130 traditionsreiche Kilometer liegen zwischen der Civitas Wien und der steirischen „Maria in der Zelle“. Unzählige Personen – gekrönte Häupter wie einfache Menschen – haben diesen Weg beschritten. Meine Pilgerschaft auf der Via Sacra ist eine Reise in die Vergangenheit (13.-16.9.2025).

Es ist Samstagfrüh, 5.30 Uhr – der Wecker läutet ganz überflüssigerweise, denn ich lausche schon minutenlang dem Prasseln der Regentropfen aufs Fensterbrett. Dieser charakteristische „Sound zum Weiterschlafen“ lässt meine Motivation, das kuschelige Bett zu verlassen, eine rasante Talfahrt erleben. Aber Moment! Ich habe ja Pläne für heute und die nächsten Tage: ich möchte pilgern!

Das Pilgern ist so alt wie die Menschheit. Naja, nicht ganz so alt, aber doch viel älter als man landläufig meinen würde. Schon die Ägypter verehrten das Grab des Osiris als Wallfahrtsort und auch die griechische und römische Antike hatte ihre Fahrten zu heiligen Stätten. Seit Jahrtausenden gehen Menschen zu besonderen Orten. Die jüdische Tora kennt drei Wallfahrtsfeste und im Buddhismus werden seit dem 3. Jh. v. Chr. die Reliquien Buddhas verehrt. Millionen von Hindus nehmen beim Pilgerfest der Kumbh Mela ein rituelles Bad im Ganges und das schon seit hunderten von Jahren. Im Islam ist der Haddsch nach Mekka einmal im Leben sogar Pflicht und das älteste Dokument einer Pilgerfahrt im Christentum stammt aus dem 4. Jahrhundert.

Auftakt in Maria Enzersdorf

Zwei Stunden nach dem Weckerläuten starte ich beim Bahnhof Brunn am Gebirge – Maria Enzersdorf unter meinem Regenponcho meine GPS-Aufzeichnung. Der Regen hat schon deutlich nachgelassen und während ich im Franziskanerkloster erfolglos nach dem ersten Stempel für meinen Pilgerpass suche, hört das Nass von oben überhaupt auf. Am Beginn der Mariazellergasse finde ich den ersten Wegweiser meiner Wanderung: „Mariazell – Via Sacra“. Ziel und Weg wären also geklärt. Buen Camino, Marlies! Nein, man wünscht sich beim Pilgern nicht etwa einen „schönen Schornstein“ (Zitat Viktor Gernot), sondern einen „guten Weg“. 😉 Es kann los gehen! Heute pilgere ich durch den Wienerwald und zu den bekannten Plätzen unterwegs: Schloss Liechtenstein, Urlauberkreuz, Hinterbrühl, Gaaden, Stift Heiligenkreuz, Mayerling, Maria Raisenmarkt und Hafnerberg.

Pilgern hat eine lange Tradition. Doch wie das halt so ist, wenn Macht und Geld ins Spiel kommen, gab es auch im Pilgerwesen bald einen gewissen Austrieb sonderbarer Blüten. Reliquienkult und Ablasshandel, kriegerische Kreuzzüge von bewaffneten „Pilgern“ und Wallfahrtsorte, die wie Schwammerln aus dem Boden schossen – alleine das Christentum zählt zehntausende solcher Stätten. Kein Wunder also, dass man im Protestantismus das Wallfahren kritisch betrachtete. Im reformierten Norwegen stand ab 1537 das Pilgern gar unter Todesstrafe. Und der aufgeklärte Habsburger Joseph II. verfügte 1775/76 selbst hierzulande ein Wallfahrtsverbot.

Kirchentor St. Sebastian

Das alles ist lange her und vieles hat sich verändert. Aber auch heute noch folgen Menschen alten und neuen Pilgerwegen auf der Suche nach Ruhe und persönlicher Einkehr – es scheint, je schnelllebiger die Zeit, umso größer das Bedürfnis nach Entschleunigung und Ankunft bei sich selbst. Auch wenn bei der Wallfahrt nicht der Weg das Ziel ist, sondern der Zielort im Vordergrund steht, kommt der meditativen Kraft des Gehens eine zentrale Rolle zu.

Am zweiten Tag wird es beschaulicher – der „Speckgürtel von Wien“ ist längst überwunden und ich bin im „grünen Berg- und Waldland ohne Städte“ angekommen. Mein heutiges Ziel ist das Gölsental. Zuerest von Hafnerberg nach Klein-Mariazell, oder auch „Mariazell im Wienerwald“ genannt, dann ins obere Triestingtal, Kaumberg, Aufstieg zur Ruine Araburg und über einen langen Höhenrücken südlich vom Gerichtsberg geht es schließlich ins Gölsental hinunter. Hainfeld, Rohrbach, St. Veit. Die letzten 4 km am Gölsental-Radweg sind schon mal ein Vorgeschmack auf das „Asphalt-Pilgern“ im Traisental in der zweiten Hälfte meiner Wanderschaft.

Aber warum gibt es überhaupt Mariazell und die Via Sacra? Die Legende besagt, dass der Mönch Magnus vom Stift St. Lambrecht mit seiner aus Lindenholz geschnitzten Marienstatue unterwegs war, als ihm ein Felsblock den Weg versperrte. Wundersamerweise wurde dieser gespalten und der Weg war frei. Da hatte wohl das geschnitzte Lindenholz seine Finger im Spiel. Magnus baute daraufhin eine Zelle rund um die Marienstatue – Maria in der Zelle – und Mariazell war begründet (1157). Es haben sich dann in den folgenden Jahrzehnten Menschen aus Wien auf den Weg zur Zellen-Maria gemacht. Zunächst sicherlich nur vereinzelt, ab dem 13./14. Jh. mehr und mehr, wahrscheinlich auf einfachstem Weg im Tale bleibend. Weshalb man davon ausgehen kann, dass auf der Route der Via Sacra Pilgernde bereits seit 700 bis 800 Jahren unterwegs sind.

Die lange Geschichte dieses Weges und seine historische Bedeutung, üben auf mich eine gewisse Faszination aus, weshalb ich mich dann auch für die Begehung der Via Sacra entscheide. Die Tausenden und Abertausenden Pilger*innen vor mir haben aber zumindest bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Traisental in stiller Eintracht durchwandert, während ich einer Dauerbeschallung durch die Landesstraße B20 ausgesetzt bin.

Mein dritter Tag auf der Via Sacra (schönstes Wetter!) führt mich vom Gölsental ins Traisental. Um dem Talboden (und der geteerten Piste) zumindest für kurze Zeit zu entfliehen, wähle ich die Route von St. Veit an der Gölsen nach Lilienfeld über die Voralpen. Zunächst geht es über den Brillergraben hinauf, dann ins Wiesenbachtal hinunter, um abermals zur Großer-Höhe aufzusteigen und am Atzgrabenweg schließlich Lilienfeld zu erreichen. Auch hier gibt es wieder ein altehrwürdiges Stift zu besuchen. Ab Lilienfeld verläuft mein Weg nun auf dem Traisental-Radweg. Abwechslung bringt der Türnitzer Bahnradweg mit der Begehung von 3 Tunnelanlagen. Ab Türnitz bin ich dann 4 km entlang der B20 bis Steinbachrotte/Gstettenhof unterwegs, wo ich den Mariazellerbus 169 gerade noch erwische.

Was mache ich auf meiner Pilgerwanderung eigentlich in einem Bus? Das ist so gekommen: mein Entschluss, auf der Via Sacra zu wandern, war spontan getroffen und die kurzfristige Quartiersuche gestaltete sich bald hoffnungslos. Mein „Projekt Via Sacra“ wurde quasi vom Mariazellerbus „gerettet“, der mich täglich abends nach Hause und morgens wieder an den Punkt meiner Weiterwanderung bringt. Die Via Sacra verläuft vorwiegend im Tal entlang der Buslinie 169 „Wien-Mariazell-Wien“, die 2x täglich verkehrt – morgens und am späten Nachmittag. Mit fortschreitender Wanderung ergibt sich aus dem Busfahrplan die Schwierigkeit, dass ich meine Wanderung immer später beginnen und immer früher beenden muss, während sich meine zur Verfügung stehende Wanderzeit mit jedem Tag reduziert. Aber ich will nicht meckern! Die Pilger*innen früherer Jahrhunderte hatten diesen Bus-Komfort nicht! Die schliefen einfach im Wald, wenn es in den Herbergen keinen Platz mehr gab. Und damals war das ultraleichte, wasserdichte Zelt noch nicht erfunden…

Apropos Ausstattung – ein Blick auf das Equipment der heute Pilgernden offenbart den Wandel der Zeit: der lange Mantel ist schnelltrocknender Synthetikwäsche gewichen, aus dem breitkrempigen Hut ist ein leichtes Sonnenkapperl geworden, die Pilgertasche trägt man jetzt als ergonomisch geformten Rucksack am Rücken, der Pilgerstab hat sich in faltbare Carbon-Trekkingstöcke verdoppelt. Und die Trinkflasche? Die war früher schon aus Glas, was heute wieder im Trend liegt.

Im Gölsental

Meinen vierten und letzten Tag auf der Via Sacra starte ich also wieder bei der Bushaltestelle Steinbachrotte/Gstettenhof, wo mich der Busfahrer gestern fast übersehen hat und erst gut 50 Meter nach der Haltestelle stehen blieb. Kein Wunder! Die Haltestelle ist wirklich mitten im Nirgendwo! Im waldreichsten Bezirk Österreichs geht es links und rechts baumbestückte Hänge hinauf, im Tal die Türnitz und die B20 – sonst nix! Auch kein Fußweg! Im Irrglauben, auf meiner Karte doch einen Steig im Wald entdeckt zu haben, wate ich später notgedrungen durch den eiskalten Fluss zurück zur Straße. Dem Asphalt entkommt man hier nicht! Sieben Kilometer geht es monoton am Bankett dahin. Dann endlich über einen steilen Fußweg auf den ersten der drei heiligen Berge – Annaberg, weiter geht’s zum Joachimsberg und schließlich folgt der Josefsberg. In Mitterbach passiere ich die Bundeslandgrenze, wo heute kein Obolus mehr für das Freikaufen des Weges nach Mariazell fällig ist. Ab sofort wird „im Steirischen“ gepilgert. Aber es ist nicht mehr weit. Nach St. Sebastian folgt ein kurzer Höhenweg und dann fällt auch schon der Blick auf die Basilika von Mariazell. Noch ein paar Schritte und meine „Zeller Reise“ findet vor dem gotischen Kirchenportal ihr Ende.

FAZIT:

Wer heute auf historischem Weg durchs Traisental marschiert, erhöht für sich die Wahrscheinlichkeit an Lungenkrebs zu erkranken, riskiert von einem Auto überfahren zu werden und belastet die Gelenke durch eintöniges Asphalt-Hadschen. Aber das Pilgern war auch früher schon gefährlich – man begab sich auf eine lange Reise in die Fremde und Krankheit, Unfälle oder gar Totschlag vereitelten nicht selten die Heimkehr.

Dank der täglichen Busfahrerei konnte der pilgerskeptische Weitwanderschlumpf, der sich zu Hause in meiner Abwesenheit fast zu Tode langweilte, am vierten Tag dann doch noch Wallfahrtsluft schnuppern… eindeutig ein Privileg des 21. Jahrhunderts!

Mit 14 Stampiglien in meinem Pilgerpass (sowohl der erste als auch der letzte Stempel fehlen!) trete ich mit der „Himmelstreppe“ die bequeme Heimreise an – früher wäre man zu Fuß wieder nach Hause gegangen!

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