In der Karwoche 2026 führt uns unsere Wanderung über 90 km von Melk nach Krems von Ruhetag zu Ruhetag an blühenden Marillenbäumen entlang (29.3.-2.4.2026).

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Am Bahnhof Melk steigen wir zu dritt (Andrea, Markus und ich) aus dem Zug (Sonntag, 29.3.26). Die Reißverschlüsse der Jacken werden geschlossen und die Stirnbänder über die Ohren gezogen, während ein kalter Wind uns willkommen heißt. Der Blick zum Himmel offenbart Wolken, Wolken und noch mehr Wolken – aber immerhin regnet es nicht. Wir starten also los um den Wachauer Welterbesteig rechts der Donau zu finalisieren (letztes Jahr war die linke Seite dran). Über den Melker Rathausplatz erreichen wir das Stift, das in seiner gigantischen Dimension hoch über der Stadt thront. An der Pforte wird ins Nord-Süd-Weitwanderweg-Buch gestempelt – ja genau, wir sind heute und morgen sowohl am Wachauer Welterbesteig als auch am Nord-Süd-Weitwanderweg (NSWW, 05er) unterwegs, die hier beide parallel gehen.

Ein Mahner gegen den Fremdenhass

Im Stiftshof fällt eine aus Eichenholz und nur mit der Motorsäge(!) geschnitzte Statue mit Pilgerstab und Pilgermuschel ins Auge und auch der Stiftsstempel zeigt prominent eine Muschel. Sofort denkt man an den Jakobsweg, doch es ist der irische Pilger Koloman, der hier im Stift begraben liegt, und auf seiner Reise ins Heilige Land den Märtyrertod starb. Den mittelalterlichen Stockerauern war er nicht geheuer, sie hielten ihn für einen Spion und knüpften ihn kurzerhand an einem Hollerbusch auf (der Holunder hat’s nicht leicht: immer muss er im Christentum für derartige Verbrechen herhalten). Bis 1663 war Koloman sogar der erste Landespatron von Österreich und von Melk ist er auch heute noch der Stadtpatron.

Schöne Abfuhr vs. behagliches Feuer

Schaudernd ziehen wir weiter. Den Pielachberg lassen wir aus, stattdessen gehen wir am 05er die Pielach entlang bis zur Mündung in die Donau, dann nach Hub und schließlich ins verlassene, trostlos wirkende Schönbühel. Der Campingplatz hat geschlossen, im Gasthaus ist es finster und das von hohen Mauern umgebene Schloss zeigt uns mit „Privat“-Schildern die kalte Schulter. Wir machen ein paar Höhenmeter und erreichen über die Hohenwarther Höhe unser Etappenziel Aggsbach-Dorf bei leichtem Regen. Ich übersehe die Stempelbox vom Welterbesteig an der Donau, was mir morgen Früh sportliche 3 km extra bescheren wird. Der eigentliche Ort liegt abseits der Donau am süd-westlichen Rand des Dunkelsteinerwaldes. Im Restaurant Domingo Gonzalez werden wir kulinarisch mit Bärlauch-Spezialitäten verwöhnt, danach geht’s in die Pension Haidn, wo am Abend im Gastraum das Holz im Kachelofen für uns knistert und uns Herr Haidn vom Marillenbaum-Schneiden, einem künstlichen Kniegelenk und einem Reha-Aufenthalt erzählt.

Schlangenlinie versus Direttissima

Neuer Tag, neues (Wetter)Glück (Montag, 30.3.26). Die Wolken hängen schon wieder tief, während wir unter heiterem Vogelgezwitscher die Pension verlassen. Viel mehr als ein paar Regentropfen und vereinzelte Schneeflocken gibt der Himmel aber glücklicherweise heute nicht her. Nach meiner Stempel-Detour zur Donau treffe ich Andrea und Markus beim Aufstieg kurz unterhalb der Ruine Aggstein. Nach der Sprintwanderung ist mir jetzt auch endlich warm. Die Reste einer imposanten Burganlage könnten natürlich besichtigt werden, doch das Wetter ist alles andere als einladend und während die beiden nach einem Geocache suchen, kriecht mir schon wieder die Kälte in die Knochen. Weiter geht’s. Auf dem Weg nach Maria Langegg treffen wir auf drei Jakobswegpilger. Sie sind gestern beim Stift Göttweig gestartet und wundern sich (und wir uns auch), warum WIR drei Tage bis Göttweig brauchen. Ein späteres Kartenstudium zeigt die Wegdifferenzen: während der Welterbesteig durch die Gegend mäandert und täglich zur Donau absteigt, bleibt der Jakobsweg im Dunkelsteinerwald und führt mehr oder weniger direkt zum Benediktinerkloster.

Marille so weit das Auge reicht

In Maria Langegg ist wieder einmal tote Hose. Der Langeggerhof befindet sich im Ruhetag (was sonst?), das Wallfahrtsmuseum ist geschlossen (hat überhaupt nur 6 Nachmittage im Jahr offen) und das Kloster scheint verwaist. Nach der Mittagsrast machen wir uns tiefgekühlt wieder auf den Weg. Ein kleiner Umweg über den Hohen Stein bringt noch ein paar Höhenmeter (auch wenn ich nicht ganz hinauf gehe), bevor wir über das Buchental absteigen und kurz vor unserem Etappenziel Hofarnsdorf das Donautal erreichen.

Rund um uns blühen Hunderte Marillenbäume eingerahmt von steilen Weinterrassen und auch die Sonne schaut endlich mal vorbei – ganz so, wie man sich die Wachau zur Marillenblüte vorstellt. Die Marille ist hier generell allgegenwärtig – nicht nur als Blüte, sondern auch als Marmelade am täglichen Frühstückstisch, als Schnaps gebrannt, in Palatschinken gefüllt und am allerliebsten im Kartoffelteigmantel mit Bröselschicht.

Hungersnot unter den Weitwandernden

Da in Hofarnsdorf an einem Montag im März – Überraschung – Flaute herrscht und jegliche Gastronomie geschlossen hat (nicht einmal einen Nah&frisch gibt es), nehmen wir die Rollfähre nach Spitz um dem Hungertod zu entkommen. Bei dieser Gelegenheit machen wir nun auch den Lückenschluss am Nord-Süd-Weitwanderweg, wo wir im Februar den tiefsten Punkt am 05er in Spitz erreicht haben. Nach einem ausgesprochen schmackhaften kombinierten Mittag-Abend-Essen im Goldenen Schiff, bringt uns die Fähre wieder auf die rechte Donauseite und wir wandern die letzten paar Meter zum Gästehaus Hubmaier, wo wir eine angenehme Nacht verbringen.

Kein schimmernder Smaragd im Trockenrasen

Der neue Morgen begrüßt uns mit Regen, aber nur in den ersten 30 Minuten unserer Wanderung (Dienstag, 31.3.26). Wir verlassen Hofarnsdorf (und auch den 05er) entlang der Donau und biegen bei Bacharnsdorf ins Kupfertal ein. Gewandert wird nun taleinwärts auf einem alten Römerweg. Beim Kreuzberg (597m) haben wir die ersten Höhenmeter geschafft und es geht bergauf und bergab über die Zeilingmaißhöhe zum Seekopf (671m) mit seiner modernen Warte.

Es folgt der Abstieg durch das Naturschutzgebiet Steinige Ries an Rotföhren und Traubeneichen vorbei, die im felsigen Trockenrasen gut überleben können. Den Smaragdeidechsen ist es heute wohl zu kalt – keine einzige lässt sich blicken. Andrea schlägt sich gut auf den steileren Passagen. Hin und wieder schaut ein Graupelschauer vorbei. Schließlich in Rossatz angekommen, wirken die Wolken schon wieder dunkler und wir machen nicht die Extraschleife des Welterbesteiges, sondern gehen direkt in den Ort und treffen alsbald bei Herrn Steinmetz, unserem Quartiergeber, und Ari, seinem griechischen Herdenschutzhund-Mischling, im zweitgrößten Haus von Rossatz ein. Das Gebäude wurde im 13. Jahrhundert erbaut, wurde 400 Jahre später ein Raub der Flammen und im 17. Jahrhundert in seiner heutigen, prächtigen Form neu errichtet. Dankbar und staunend betreten wir die alten Mauern, wo wir die Nacht verbringen werden.

Die gähnende Infrastruktur-Leere

Die Herbergssuche rechts der Donau in der heuer früh im Jahr gelegenen Karwoche gestaltete sich herausfordernd – in Rossatz sogar besonders herausfordernd! Im Februar wurde noch ganz entspannt das Haus Annemarie angeschrieben, doch Woche um Woche verging ohne Antwort. Es folgten Email-Anfragen im Landhaus Rossatz und im Haus Steinmetz, doch auch hier keine Antwort. Eine Woche vor Abfahrt in die Wachau war das Wanderprogramm fertig, nur unsere Übernachtung in Rossatz stand noch immer in den Sternen. Ich fragte im Haus Annemarie telefonisch nach – ein knapp hervor gepresstes „NEIN, GEHT NICHT!“ beendete abrupt das Gespräch. Okay, dann halt nicht. Das Landhaus Rossatz blieb auch telefonisch unerreichbar. Meine letzte Hoffnung war dann Herr Steinmetz. Ein Email? Vor einer Woche? Hm, das hab ich wohl übersehen. Aber kein Problem – gerne könnt ihr bei mir bleiben. Danke!

Bei der Abendessen-Suche setzten sich die Schwierigkeiten fort: es ist Dienstag und sowohl das Landgasthaus Essl als auch das Wirtshaus „Alte Schiffstation“ haben Ruhetag und die Rollfähre nach Dürnstein verkehrt im frühen Frühling nur von Freitag bis Sonntag und fällt somit auch für einen Abendessen-Ausflug aus. Ich finde online noch den Gasthof Naumann, doch keinerlei Öffnungszeiten. Bei einem Anruf („Küss die Hand, Fräulein“) erkläre ich unser dringendes Bedürfnis nach einem Essen an diesem Dienstagabend. Es folgt ein großes Aufatmen als Herr Naumann für uns einen Tisch “reserviert”.

Ein Wachauer Original

Bis auf wenige Tresen-Steher sind wir die einzigen Gäste. Liebevoll ist der Tisch neben dem Kachelofen für uns gedeckt und eingeheizt wurde auch. Herr Naumann ist die lebende Speisekarte und erzählt uns, was man heute anzubieten hat. Meine Steinpilzsuppe ist wunderbar. Die Linsensuppe von Andrea und Markus entpuppt sich als thailändischer Linseneintopf mit Frankfurter Würstchen („das kochen die Unsrigen in Thailand so“, aha). Ich esse zum ersten Mal in meinem Leben Grammelknödel mit Sauerkraut. Markus wagt sich an die selbstgemachte Leberwurst, auch wenn Herr Naumann selbst nicht zufrieden mit seinem Werk ist. Alles schmeckt hervorragend. Ein kleines Schild am Eingang hat es schon angekündigt: hier gibt es hausgemachte Marillenknödel. Und tatsächlich bietet der Hausherr uns als letzten Gang diese wunderbarste aller Arten, Marillen zu essen, an. Natürlich stimmen wir zu und eine halbe Stunde später steht vor jedem ein dampfender Knödel in geschmolzener Butter schwimmend unter einem Berg von Zimtbröseln – ein himmlischer Genuss! Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals zuvor so viel Fett auf einmal gegessen habe – hoffentlich wird das keine Gallenkolik! Wären wir nur wenige Wochen früher unterwegs gewesen, wäre auch diese Gaststätte nicht zur Verfügung gestanden, denn Herr Naumann verbringt mit seiner Frau die Winter in Thailand. Also, Glück gehabt! Satt und zufrieden rollen wir uns in unsere schöne herrschaftliche Unterkunft.

Ein Fluss und seine Gefahren

Am nächsten Tag (Mittwoch, 1.4.26) frühstücken wir unter den gestrengen Augen des ehemaligen Marktrichters von Rossatz – sein Portrait hängt im Frühstücksraum. Er hat seinerzeit das Haus für seine Töchter gekauft. Er selbst wohnte aber in einem Haus am Hauptplatz, gleich gegenüber dem Pranger – wie passend! Kurze Wege! In jüngerer Zeit erlangte Rossatz traurige Berühmtheit als der Ort, an dem Christian Pilnacek 2023 in einem Donau-Altarm tot aufgefunden wurde. Wir verkneifen uns Fragen dazu – es sind schließlich schon viele Menschen in der Donau ertrunken – und wandern nach Rossatzbach. Sind wir entlang der Donau unterwegs, begleiten uns stets dicke Betonmauern – ineinander verzahnte Fertigelemente, die bei Hochwasser geschlossen und erhöht werden. Seit den Hochwasserereignissen von 2002 und 2013 wurde massiv in den Hochwasserschutz investiert. Dass das nötig ist, zeigen die beeindruckenden Hochwassermarken in vielen Ortschaften entlang der Donau.

Höhenmeter am Tagesende

Auf Forstwegen geht es für uns bei Sonnenschein hinauf zum Pemexel (508m). Die Stempelbox hängt abseits in Oberbergern und bringt uns einen gewissen Umweg, bevor wir über die Ferdinandwarte nach Unterbergern weitergehen.

Schon von weitem ist unser Etappenziel, das Stift Göttweig, zu sehen und wir nähern uns, durch Marillenbaum-Plantagen wandernd, sukzessive an. Nach einem langen Tag beginnen wir schließlich in Steinaweg den steilen und steinigen Aufstieg auf den Göttweiger Berg. Bei Sonnenschein erreichen wir schließlich das Stift und bewundern die barocke Pracht, die sich hier überall zeigt.

Das Restaurant hat noch Speisen auf der kleinen Karte, bevor es um 17.30 Uhr überhaupt zusperrt. Kein Problem, wir werden (rechtzeitig) satt. Markus und Andrea verbringen den Abend fieberhaft mit einem Multicache, während ich noch einmal vom Berg hinunter wandere und bei Furth einen Markierungsmangel am Großen Tullnerfelder Rundwanderweg behebe. Zurück am Göttweiger Berg taucht die Abendsonne das Stift und seine Umgebung in besonders schönes Licht und milde Farben – was für ein fabelhafter Anblick!

Der Kreis schließt sich

Am nächsten Morgen (Donnerstag, 2.4.26) zeigt sich der Himmel wieder einmal wolkenverhangen und ein eisiger Wind weht uns um die Ohren. Wir wandern hinunter nach Furth und durch den Zellergraben geht es auf einem steilflankigen Lösshohlweg hinaus und weiter zu den Weingärten vor Mautern, über die Donaubrücke nach Stein und schließlich erreichen wir den Hohen Markt von Krems, wo wir vor einem Jahr unsere Wanderung am Wachauer Welterbesteig begonnen haben. Mit dem (vollen) Stempelpass kaufen(!) wir in der Touri-Info von Krems für 7€ pro Stück unsere wohlverdienten Wandernadeln in Gold und Silber und sind natürlich ziemlich stolz darauf – und glücklich, dass wir diesen Weg zu dritt abschließen konnten.

FAZIT: wie gut, dass Iglo heuer nicht zum Einsatz kommen musste!

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