In 4 Tagen durchwandern wir auf 110 km das winterliche Waldviertel vom Nebelstein über Liebenau, Arbesbach, Schönbach, Ottenschlag, Elsenreith bis nach Spitz an der Donau.

Dem Nebel entfliehen

Nicht nur die Kälte hat uns heuer fest im Griff. Das ORF-Landesstudio Wien wird am 6.2.2026 von der „längsten Serie an Nebeltagen seit 30 Jahren“ berichten. Also, auf in den Winterurlaub und raus in den Schnee! Die Website vom Waldviertel-Tourismus möchte vermitteln, dass der Ruf der winterlichen Granit-Hochebene, „ständig eingehüllt in eine dicke Nebeldecke“ zu sein, völlig zu Unrecht besteht. Gerne schenken wir diesem Optimismus Glauben und so machen wir uns am späteren Mittwochnachmittag (4.2.26) auf den Weg nach Gmünd und weiter nach Weitra, wo wir im Rathskeller freundlich aufgenommen werden.

Dem Nebel entflohen?

Es ist schwierig, sich von den zahlreichen Köstlichkeiten des Frühstücksbuffets loszureißen, aber wir müssen zum Bus (Donnerstag, 5.2.26)! Die Mitarbeiterin an der Rezeption fragt uns ganz enthusiastisch, ob wir auf den Nebelstein wandern, und empfiehlt uns die Website vom Moorbad Harbach: dort findet man eine Webcam am Nebelstein. Wir schauen noch schnell rein, doch was wir sehen, ist die Bestätigung dessen, was wir auch schon beim Blick aus dem Fenster festgestellt haben: eine „für das Auge undurchdringliche Trübung der Luft durch Konzentration kleinster Wassertröpfchen“. Danke Oxford Languages! In kurz: man sieht nix!

Von St. Martin auf den Nebelstein

Nebel am Nebelstein

Wir eilen zum Bus und nach der 11-minütigen Fahrt sind wir in St. Martin bereit, unsere Winterwanderung zu beginnen. Auf der Straße und etwas später auf einem Forstweg und noch etwas später einem Fußsteig entlang, geht es auf den Nebelstein. Wir sind im Winterwonderland angekommen: die Fichten sind weiß gekleidet, die kahlen Äste sind reichlich von Eiskristallen bedeckt, der Wind hat Schnee und Eis in bizarre Formen verwandelt. So stehen wir auf 1017m Seehöhe am Nebelstein und sind verzaubert von der winterlichen Pracht der nahen Umgebung – den weiten Ausblick auf die von Granit und Gneiß geformte Landschaft stellen wir uns in Gedanken vor!

Auf weiten Wegen durch Österreich

Der Nebelstein ist ein wahrer Knotenpunkt für Weitwanderwege – nicht weniger als 11 Wegtafeln zählt man an der Hauswand der Nebelsteinhütte, die in der Wintersperre ruht. Vor 4 Jahren am Ostersonntag (17.4.2022) haben wir hier unsere Wanderung entlang des Ostösterreichischen Grenzlandweges 07 begonnen – am 20.7.2025 sind wir schließlich in Bad Radkersburg angekommen. Es ist Zeit, wieder einen neuen Weitwanderweg zu starten – deshalb sind wir heute auf den Nebelstein gekommen. Wir haben uns für den ältesten der 10 Österreichischen Weitwanderwege entschieden: der Nord-Süd-Weitwanderweg 05 (NSWW). Wie der Name schon vermuten lässt, durchquert er Österreich von Norden (Nebelstein) bis Süden (Eibiswald) und das in etwa entlang des 15. Längengrades. Wir – das sind der Weitwanderschlumpf, MarkusG und ich – sind bereit für das nächste Abenteuer.

Zum Nebel gesellt sich Regen

Am Weitwanderstein vorbei geht es also vom Nebelstein hinunter nach Eisenwerk, dann der Lainsitz entlang – sie ist einer von nur ganz wenigen Flüssen Österreichs, die in die Nordsee entwässern. Würde man ihr also flussabwärts folgen, würde man über Moldau und Elbe in Hamburg landen. Wir gehen aber flussaufwärts nach Westen, dann nach Süden bis Karlstift. Durch den Ort geht die europäische Hauptwasserscheide (Nordsee/Schwarzes Meer) und Karlstift ist eigentlich bekannt für sein Skigebiet, doch die Aichelberglifte ruhen bereits die dritte Saison. Immerhin tummeln sich zwei Langläufer auf der Loipe, doch der Ort wirkt leblos und auf der Tür des Gasthauses hängt ein Zettel mit der wenig erfreulichen Botschaft „Wegen Pensionierung geschlossen“. Ohne Stempel „quartieren“ wir uns also im gegenüberliegenden Buswartehäuschen ein und verspeisen im Trockenen mit Linsen-Pastete gefüllte Weckerln, mundgerecht geschnittene Gemüsestücke und pikante Brokkolimuffins, während unzählige Sattelschlepper auf der B38 an uns vorbeibrausen. Seit etwa einer Stunde sind wir im Nieselregen unterwegs – ohne Aussicht auf Besserung. Mit übergeworfenen Ponchos geht es schließlich auf Straßen und Waldwegen weiter, am Zwettlfluss-Ursprung vorbei und – von uns ganz unbemerkt – ins Mühlviertel und somit nach Oberösterreich. Der Kamp-Ursprung würde zwar auch sehr nahe an unserem Weg liegen, doch das Wetter verleidet uns jegliche noch so kleine Verlängerung unserer Wanderung.

Sommer auf 30m²

Liebenau ist ein beliebtes Wintersportzentrum und eine Langlaufloipe führt direkt bei unserer Unterkunft vorbei. Helma Esterhammer vom Espi-Stall hat schon den Turbo-Holzofen in der Gaststube für uns eingeheizt. Dort kann nun alles trocknen und wir uns bei unglaublichen 32°C (!) in der Stube ordentlich aufwärmen. Nach erreichen der Garstufe „well done“ wechseln wir in unser Zimmer und versinken in den kuscheligen Bettdecken.

Am nächsten Tag (Freitag, 6.2.2026) hat der Regen aufgehört, der Nebel ist geblieben und die Straßen und Gehwege sind spiegelglatt. Zwar sitzen wir noch beim Frühstück in der vom besagten Ofen beheizten Stube und hören von der seit heute Früh nicht mehr funktionierenden Hackschnitzelheizung im Haupthaus, doch schon bald rutschen wir auf Nebenstraßen und entlang der Loipe in das Dorfzentrum von Liebenau.

Unverständnis für Entscheidungen aus Wien

Heute geht es für uns bis nach Schönbach, aber angesichts der Glätte fragen wir uns, wie wir das bewerkstelligen sollen. Gleich hinterm Dorfwirt treffen wir auf eine ältere Frau, die mit Trippelschritten – genauso wie wir – versucht, nur wenige Höhenmeter bergab zu überwinden. Wir trippeln ein Stück des Weges also gemeinsam dahin, während sie uns erzählt, dass sie in der Pension für den Sozialmedizinischen Betreuungsring Mühlviertler Alm tätig ist. Das ist eine Vereinigung, die sich um die Älteren unserer Gesellschaft kümmert. Die engagierten Menschen besorgen Lebensmittel, plaudern gern, unterstützen im Haushalt und sind nicht selten auch gleich Seelsorger*in. Sie ist auf dem Weg zu einer alten Dame am Dorfrand, die sie betreut. Dass der Unimarkt im Ort zugesperrt hat, trifft sie sehr. Dass dem Spar die Übernahme von der Wettbewerbsbehörde verboten wurde und es im Dorf nun keinerlei Einkaufsmöglichkeiten gibt, macht sie richtig wütend. Da soll man sich nicht wundern, wenn „nur die Alten bleiben und die Jungen alle gehen“. Sie macht sich ernstliche Sorgen um die Zukunft der Ansiedlung. Dank der Sportarena hätte man auch Wintergäste hier, doch sind auch die nun gezwungen ihre Lebensmittel anderswo zu besorgen. Verständnislos schüttelt sie den Kopf, öffnet die Tür und ruft ein tapferes „Hallo“ in das stille Haus.

Tiefschneestapfen

Wir rutschen weiter. Der Feldweg bietet aber am „Mittelstreifen“ griffigen Schnee und so kommen wir nun doch besser voran als gedacht. Das währt aber nicht lange. Nach einem Straßenabschnitt müssen wir durch eine winterliche Wiese, also wühlen wir uns durch tiefen Schnee mal bergauf, dann wieder bergab, wobei letzteres deutlich weniger kräfteraubend ist als ersteres. Der Schnee kriecht auch von oben in die Schuhe, denn die Gamaschen sind zu Hause geblieben. Spätestens jetzt wünschen wir uns Schneeschuhe herbei. Aber es hilft nichts – weiter geht es! Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir Geierschlag und etwas später den Rubner Teich am Beginn des Naturschutzgebietes Tannermoor. Hier gibt es einen lehrreichen Rundweg durchs Hochmoor abseits vom 05er und der Weg schaut verführerisch einfach zu gehen aus. Wir lassen uns hinreißen und machen die Extrarunde in dieser besonderen Landschaft. Beim Rückweg geht’s aber einige Höhenmeter hinauf zur Lehrmüller-Mauer und der Weg wird anstrengend und schneereich. Die nächsten 8 km bis Arbesbach ziehen sich wie ein Kaugummi und irgendwann passieren wir – wieder ganz unbemerkt – die Bundeslandgrenze – das Waldviertel hat uns wieder! Immerhin lichtet sich der Nebel etwas; bis wir Arbesbach erreichen, sogar so weit, dass die Sonne durchkommt und wir Spuren von blauem Himmel erkennen können.

Neujahrsvorsätze und ihre Ausnahmen

Für die morgendliche Rutschpartie, den netten Plausch und den Umweg übers Moor haben wir unerwartet doch einiges an Zeit benötigt, aber wollen wir nicht im Finsteren ankommen, dürfen wir die Uhr nicht aus den Augen verlieren. In Arbesbach ist daher nur ein eiliger Kaffee mit einem hurtig verzehrten Punschkrapferl drinnen (ja, ich weiß, der picksüße, rosa Quader mit Rum ist mir tatsächlich einfach so „passiert“ in meinem alkoholfreien Jahr 2026). Der „Stockzahn vom Waldviertel“ (= Burgruine in Arbesbach) kann aus zeitlichen Gründen nicht näher auf Zahnstein und Karies untersucht werden. Wir brechen auf nach Altmelon und es begegnet uns eine richtig große Wandergruppe – woher diese kommt, bleibt ein Rätsel. Unterwegs treffen wir auf eine Hinterglasmalerei von Carl Hermann, der Urvater des NSWW und Gründer der ÖAV Sektion Weitwanderer. Er war nicht nur der Begründer der Weitwanderbewegung, sondern auch Bildhauer und Maler und hat sich entlang des Weges künstlerisch betätigt. Ein Stück weiter finden wir eine Stoaroas-Tauschstation und ich einen hübschen Stein mit sitzendem Strichmännchen und Herz für die gemeinsame Weiterreise. Der Nebel kommt inzwischen wieder herunter und die Landschaft wirkt düsterer als noch kurze Zeit vorher mit den spärlichen Sonnenstrahlen. Altmelon haben wir schnell erreicht und ist ebenso schnell wieder verlassen. Der restliche Weg verläuft ganz unspektakulär hauptsächlich auf Straßen, was uns nach so viel Schneestapfen überhaupt nicht stört und die Beinmuskulatur schont.

Die Herausforderung einer winterlichen Quartiersuche

In Schönbach angelangt, gehen wir auf die Suche nach unserer Unterkunft. Nach dem Nah & Frisch geht es rechts hinauf. Dort steht ein großes, gelbes Haus ganz ohne Kennzeichnung wie „Pension“ oder „B&B“. Sind wir hier richtig? Wir läuten und bald darauf öffnet uns eine rothaarige ältere Dame namens Elisabeth und spricht ein „Herzliches Willkommen“ aus. Es war nicht einfach, zwei Betten in Schönbach aufzutreiben: das Gästehaus Fred ist bis März geschlossen, die Privatzimmer Rößl vermieten nicht mehr, das Lindenstüberl bietet zwar Gastronomie, aber keine Zimmer an. Auf der Gemeinde-Website finde ich dann den Eintrag „Nostalgie-Zimmer“. Schnell ist eine Email-Anfrage verschickt, doch sie bleibt unbeantwortet. Ich rufe an, doch ich erreiche niemanden. Ich werde zurückgerufen, doch höre ich mein Handy nicht. Also rufe ich zurück, werde aber wiederum nicht gehört. So geht das eine Weile hin und her, bis wir uns dann endlich telefonisch sprechen. Es dauert ein bissal, bis ich Elisabeth überzeugt habe, für uns ein Zimmer zu beheizen. Die Herbergssuche im Winter auf Weitwanderwegen in Österreich gestaltet sich ähnlich schwierig wie zur Heiligen Nacht vor 2025 Jahren in Bethlehem. Schon in Weitra hat das begonnen: Pension Fiedler vermietet im Winter nur für mindestens 3 Nächte; das Brauhotel hat sich auf meine Anfrage hin erst gar nicht gemeldet. Egal. Wir sind in Schönbach und haben ein Zimmer – ein beheiztes Zimmer! Dass das nicht selbstverständlich ist, erfahren wir beim Abendessen. Elisabeths Partner Klaus ist heute das halbe Waldviertel abgefahren um Pellets zu besorgen – so gut wie überall sind sie ausverkauft. Man munkelt von einer künstlichen Verknappung. Das ist tatsächlich vorstellbar, schließlich ist das Waldviertel voller Bäume, die Fichtenmopeds auf unserer Wanderung hörbar fleißig bei der Arbeit und Borkenkäferholz für die Verarbeitung zu Pellets im Übermaß vorhanden.

Enten-Parade in Schönbach

Ein Bastlerhit

Bei polnischer Gemüse-Graupenschrot-Suppe und Tiefkühl-Hühnerschnitzel erfahren wir noch mehr von den Anstrengungen der beiden. Elisabeth hat das Haus vor 5 Jahren gekauft. Es war früher eine gut gehende Frühstückspension, aber nur im Sommer. Erst Klaus hat eine Heizung eingebaut und auch die Elektroinstallationen erneuert. Schönbach ist eine sehr aktive Ortschaft, es gibt allerlei Veranstaltungen wie etwa ein sommerliches Jazz-Seminar, Korbflechten, Yogakurse, Basenfasten, Jodel-Workshops, Keramik-Herstellung, Infoveranstaltungen zu Althaussanierung und Lehmbau und Seminare für Chor- und Sologesang. Die Teilnehmenden müssen wo schlafen und so wurde Elisabeth von der Gemeinde gebeten, doch auch Zimmer zur Vermietung anzubieten. Und so ist es gekommen, dass die bereits pensionierte Dame ihr Haus für Gäste geöffnet hat. Über das eisige Stiegenhaus geht’s aufs frostige Retro-Etagen-WC, wo der Popo fast einfriert. Unweigerlich denkt man an Pellets. Aber unser Nostalgie-Zimmer ist halbwegs warm. In aller Ruhe bewundern wir die gemalten (!) Tapeten und versuchen, nicht anzukommen (Vorsicht, die Farbe haftet nicht!), wir staunen über umhäkelte Kleiderbügel und beäugen die Vintage-Nachtkästchen, bevor wir mit einer Bettdecke plus 2 zusätzlicher Decken einschlummern und vom Pellets-Schlaraffenland träumen.

Unser Nostalgie-Zimmer

Gesucht: Gerät zum Aufdrucken eines kurzen Textes auf Papier

Nach einem ausgesprochen reichhaltigen Frühstück (Samstag, 7.2.26) gehen wir auf Stempel-Jagd. Elisabeth hat keinen und schickt uns in die Kirche. Dort ist kein Stempel auffindbar. Das Lindenstüberl sperrt erst um 10 Uhr auf. Das Wäschepflegemuseum ist in Wintersperre. Die Klosterwerkstätten ebenso. Wir stempeln beim Nah & Frisch, der gleichzeitig Lebensmittelgeschäft, Postpartner, Trafik und Putzereiannahmestelle ist – ein richtiger Nahversorger halt! Genau das, was auch Liebenau brauchen würde.

Bitte nur angeleitet parken!

Mit dem Stempel im Buch können wir uns nun wieder auf die wesentlichen Dinge des Tages konzentrieren: wie ist das Wetter heute? Kein Nebel! Wolkig! Die Temperaturen sind milder als zuletzt. Das Tauwetter beschert uns Schmelzwasserbäche auf unseren Wegen. Über Wiesen und Felder und durch Fichtenmonokulturen geht es nach Bad Traunstein, wo wir gleich am Ortsbeginn nicht nur den 100.000 kg schweren Franzosenstein (= ein riesiger Wackelstein), bewundern können, sondern auch über das ausgeklügelte Parkleitsystem der 983-Seelen-Gemeinde staunen. Auf dem Wachtstein hätte man eine gute Aussicht, aber wir scheuen die Höhenmeter. Es geht vorbei an unzähligen Skulpturen von Josef Elter, der hier über viele Jahre als Pfarrer und Bildhauer tätig war. Im Café Bachl bekommen wir Kaffee, Stempel und gesagt, dass seit etwa 2 Jahren wieder mehr Leute auf dem NSWW unterwegs seien, während davor der „Lebensweg“ bei den Wandernden beliebter war.

Nomen est omen

Auf der langen, asphaltierten Geraden zwischen Bad Traunstein und Walterschlag kommt die Sonne für eine Stippvisite heraus, im späteren Fichtenforst wird es wieder lichtärmer. Wir passieren den Weyerteich, wo Eisfischer im Wasser stehen, und erreichen bald Ottenschlag mit zwei Teichen, einem Schloss in Privatbesitz, einem Flugplatz, einer Kirche mit zwei alten Grabsteinen, einem Mohnstrudelweg, einem Reha-Zentrum und einer fabelhaften Mohntorte in der Konditorei Einsiedl inklusiv Stempel. Die Ansiedlung 3,5 km weiter kann mit dieser Aufzählung nicht mithalten. Lediglich drei Häuser und ein Kuhstall gehören zur Ortschaft ERNST, und doch ist sie etwas ganz Besonderes – für mich zumindest. Der Nachmittag verfliegt und mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir Elsenreith und den Gasthof „Zum guten Tropfen“ der Familie Liebner.

Weitwanderboom

Die Hausherrin wirft für uns die Fritteuse an. Ihr Blick fällt auf unseren analogen Wanderführer in Buchform und es folgt sofort die Frage „Braucht ihr einen Stempel?“. Das ist uns am 07er nie passiert! Stets mussten wir unser Begehr erst mühsam erklären. Doch hier am 05er ist man mit dem Weitwandern bestens vertraut. Seit seiner Eröffnung 1970 haben am NSWW schon mehr als 7000 wandernde Personen nach einem Stempel gefragt. Wir haben die Ehre mit einem nagelneuen Stempel Farbe in unser Buch zu drücken (Danke Gert!). Der Abend geht früh zu Ende. Markus wohnt noch ein paar olympischen Bewerben im TV bei, während ich bald in einen traumlosen Schlaf gleite.

Zum Frühstück (Sonntag, 8.2.26) schmökern wir durch das dicke NSWW-Buch und entdecken gleich auf der ersten Seite unsere lieben „Weitwanderkäfer“ Erika und Fritz. Da haben die beiden wohl das Buch persönlich vorbeigebracht, was mir Fritz eine halbe Stunde später telefonisch bestätigt.

Ein überwältigendes Leuchten am Firmament

Wir verlassen den Gasthof und blicken hinüber zum Jauerling – in ein paar Stunden wollen wir dort oben stehen. Nebelfrei und bergab kommen wir gut voran und passieren schnell Günsles. Der Wald nimmt uns auf und schon bald sehen wir die ersten Christbaumkulturen – ein untrügliches Zeichen der Nähe des Jauerlings. Zwischen Trandorf und Zeining sind wir im Sonntagsverkehr auf der L81 unterwegs. Da tummelt sich irgendetwas Helles am Himmel. Was das wohl sein könnte? Auch hellblaue Stellen zeigen sich vereinzelt. In meinem Rucksack finde ich eine Art Brillengestell mit dunklen Einsätzen. Seit Tagen wundere ich mich über diesen Gegenstand in meinem Gepäck. Wie ist der dort hingekommen? Und was macht man überhaupt damit? Könnte der etwas mit dem grellen Objekt zwischen den Wolken zutun haben? Ich setze das Ding auf meine Nase und tatsächlich fühlen sich meine Augen gleich viel weniger geblendet. Was für eine geniale Erfindung! Markus ist sprachlos und schüttelt nur mehr den Kopf. Vermutlich ahnt er schon, dass das Teil nach nur kurzer Nutzungsdauer wieder in den Rucksack wandern wird.

Tier: Wildschein (Sus Scrofa), Lebensraum: Jauerling

Ob der Steilheit geht es – ganz wie Fritz prophezeit hat – unter großem Jammern auf den Jauerling, aber der Anstieg ist bald geschafft. Die Aussichtswarte ist offen, der Rundumblick durch das Glas offenbart ein Skigebiet und das Highlight sind dann wohl die Mohnzelten, die wir uns für die Heimreise mitnehmen. Wir wandern über das Plateau zum Naturparkhaus, wo wir einen ausgezeichneten, wenn auch diesigen, Ausblick auf das Donautal genießen. In der Gaststube knistert das Holz im Kaminofen, während die Ski-Damen in der Abfahrt auf der Tofana dem olympischen Edelmetall nachjagen (Lindsey Vonn ist bei unserer Ankunft bereits gestürzt und abtransportiert). Eine Jagd anderer Art war erfolgreicher, weshalb sich nun ein Wildschwein in Form eines Bolognese-Ragouts unter meine Tagliatelle mischen lässt. Mmmhhh. Das Donautal ist nun nicht mehr zu sehen. Wir stehen in einer Wolke und beginnen den ungemütlichen Abstieg. War die Westseite bis 70 Höhenmeter unter dem Plateau eis- und schneefrei, verhält es sich am östlichen Jauerling ganz anders. Der Weg ist glatt und vereist, passagenweise kommen wir gut weiter, dann wieder weniger. Im abschüssigen Gelände mit Eis auf der ganzen Wegbreite ziehen wir dann doch die Grödel über die Schuhe, was alles einfacher macht. Etwa 20 Meter vor uns gibt es plötzlich Aufruhr im Gebüsch, es raschelt ganz heftig und ein Wildschwein springt hervor. Stocksteif stehe ich da! Stand da nicht in der Karte bei meiner Pasta „Wildschwein vom Jauerling“? Hab ich etwa die faschierte Verwandtschaft von dem Schwarzkittel vor mir gerade zu Mittag verspeist??? Ist Rache auch für Schwarzwild süß??? Während ich noch mit diesen ebenso quälenden wie dringenden Fragen beschäftigt bin, galoppiert das Wildschwein – ganz ohne Grödel – den Hang hinauf und ist verschwunden. Aufatmen.

Die Symbiose aus Mehlspeise und Melasse vergoren und destilliert

Während wir über den Höhenrücken absteigen, beruhigt sich mein Puls (und auch mein Magen) wieder. Etwas oberhalb von Spitz erreichen wir die Burgruine Hinterhaus, wo Markus nach einem Geocache sucht und ich meinen Strichmännchen-mit-Herz-Stoaroas-Stein in einer Mauernische für seine Weiterreise auslege. Spitz ist schnell erreicht, wir marschieren zur Donau, wo wir den tiefsten Punkt am NSWW erreichen und gleichzeitig unsere 4-tägige Wanderung beenden. Der Anfang ist gemacht und im Frühling geht es weiter!

Die „Donauprinzessin“ hat zu, „Das Goldene Schiff“ ist mitten im Umbau. Beim „Spitzerl“ wissen wir schon um die Tiefkühlkost. Es bleibt nur „Käptn Hick“ übrig. Dreißig Minuten vor der Sperrstunde serviert der mürrische Mitarbeiter maximal noch eine Kleinigkeit für Markus, während er meinen Bauernkrapfen überhaupt gleich vergisst. Wir fragen ihn lieber nicht nach einem Stempel, besser schnell raus hier! Der Bus rollt Richtung Krems, während wir genussvoll in unsere Mohnzelten beißen. Der zarte Teig umhüllt den Kern aus saftigem Mohn. Nur Mohn? Nein! Ich schmecke es ganz deutlich – da ist (schon wieder) RUM drinnen!

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