Vom westlichen „Tor zur Wachau“ geht es 95 km zu Fuß durch die Voralpen ins Ötscherland zum steirischen Wallfahrtsort Mariazell – NSWW Et. 6–10

Ein geordnetes Stilles Örtchen
Nach Beendigung des Wachauer Welterbesteigs und Verabschiedung von Andrea am Bahnhof in Krems, ist es erst Mittag und der Tag noch jung (Gründonnerstag, 2.4.26). Wir nehmen also den Bus nach Melk zurück und setzen am Nord-Süd-Weitwanderweg (NSWW 05) Richtung Süden fort. Nicht, dass das Wetter 30 km südwestlich besser wäre, aber wir haben noch Zeit und Ostern steht vor der Tür. Die Witterung ist ungemütlich, weil windig und kalt, aber morgen soll es besser werden. Von Melk sind wir schnell draußen, unterqueren die Autobahn A1 und landen alsbald auf der Landesstraße L5339. Zum Glück ist hier nicht die Hölle los, aber der Asphalt-Trott ist auch ohne Verkehr nicht unbedingt angenehm.



Wir biegen schließlich auf einen Wiesensteig ab und sind nach einem kurzen Stück bergauf am Hiesberg angekommen. Eine Steinsäule von 1669, eine neuere Blockhütte und ein WC-Häuschen inklusiv Klo-Ordnung beleben den Ort. Ab jetzt folgen wir einem Forstweg, viel später einem Pfad, der sich im Wald verliert und landen schließlich wieder auf der Asphaltstraße kurz vor Gassen, wo das Gasthaus Dorn am Donnerstag einen seiner drei Ruhetage pro Woche genießt. Wir gehen hungrig weiter und erreichen nach kurzem Marsch auf einer Promillestraße mit erstaunlich viel Verkehr St. Leonhard am Forst.





Wenn Heißwasser unter Luxus fällt
Der Gasthof Rappersberger hat heute Ruhetag, aber ein Zimmer haben wir nach vielen Telefonat-Versuchen schließlich doch bekommen. Rainer, unser Quartiergeber, hat uns aufs Zimmer noch mitgegeben, dass das Warmwasser wahrscheinlich so eine halbe Stunde brauchen wird. Nach 30 Minuten ist das Wasser noch kalt und wir beschließen zuerst in der Pizzeria Giovanni schräg vis-à-vis einzukehren. Wir sind überwältigt von der großen Anzahl an italienischen und griechischen Gerichten in der Karte. Auch das Ambiente ist sehr ansprechend und gemütlich. Morgen beim Frühstück werden wir von Rainer hören, dass „man den Italiener drüben ja nicht als Gastronomie bezeichnen kann“. Aha?!?! Wie auch immer. Bei unserer Rückkehr ist das Wasser noch immer nur lauwarm. Während ich mich unter der Brause besonders beeile, fühle ich mich wie Muki, dem ich meistens nur das günstige Rapido-Waschprogramm gönne (na gut, im Winter bekommt er auch seinen Bauch gestreichelt – das nennt man offiziell dann Unterbodenwäsche).

Ein Schnaps zum Frühstück
Nach einer ereignislosen Nacht kredenzt uns Rainer zum Frühstück (Karfreitag, 3.4.26) seinen selbstgemachten Nussschnaps im praktischen 2-Zentiliter-Fläschchen zum Mitnehmen – quasi eine „Spirituose to go“. Es ist Karfreitag und so bleiben philosophische Betrachtungen über den Katholizismus, den Zölibat und den Glauben ganz allgemein nicht aus. Außerdem erfahren wir, dass der Modellbau inzwischen das wichtigere Standbein ist.

Sadistisch monoton durchs Mostviertler Hügelland
Schließlich starten wir in den Wandertag in St. Leonhard am Forst und lassen dabei auch den Wald hinter uns. Wir wandern heute hauptsächlich durch Felder und Wiesen, nur vereinzelt treffen wir auf Bäume (es sind aber überraschend zwei Mammutbäume dabei!). Der Himmel ist blau und die Sonne lacht uns zur Abwechslung einmal entgegen, der Wind bleibt kühl. Meistens geht es auf asphaltierten Straßen oder Feldwegen eben bis leicht ansteigend dahin. Die Monotonie wird in Fritzberg kurz unterbrochen – dort machen wir zwei Fotos für den Fritz (Wie war das nochmal mit dem Sadisten und dem Weg?). Eine 05er-Tafel in einem Hühnerstall findet noch kurz unsere Aufmerksamkeit, bevor uns die Eintönigkeit wieder gefangen nimmt. Immerhin treffen wir bald auf die kreative Kontrollstelle neben dem Rauschhof: an einem Baumstamm hängt ein kleines oranges Metallkästchen, darüber der Hinweis zur „Selbstkontrolle“ – in der Box liegen ein Stempel und sein Kissen, welche beide unverzüglich auf ihre Funktionalität überprüft werden. Ja, alles tadellos! Abwechslung bringen nun aber die Höhenmeter auf den Schweinzberg. Am Gegenhang versuchen wir die Burg Plankenstein, unser Etappenziel, auszumachen, aber wir können sie nirgends erkennen. Komisch. Sie müsste aber dort sein. Ein Abstieg und nochmal ein steiler Anstieg und tatsächlich steht plötzlich die gesuchte Burg vor uns.






Wo das Auge stets Neues entdeckt
Die Burg Plankenstein ist nur schwer in Worte zu fassen. Sie scheint das „Hearst Castle von Österreich“ zu sein, aber irgendwie charmanter, weil sie, bei allem Kitsch, Stilmix und Firlefanz, im Herzen natürlich noch immer eine mittelalterliche Burganlage ist. Mit viel Hingabe und Liebe zum Detail wird hier renoviert, dekoriert und aufgehübscht. Es gibt besondere Einzelstücke genauso, wie Krempel vom Flohmarkt. Das wilde Sammelsurium verteilt sich über den zauberhaften Hof, in den verwinkelten Gängen und der rustikalen Taverne. Hinterm Gebäude findet es seine Fortsetzung in einem gusseisernen Steg aus der Jahrhundertwende (ehemaliger Fußgängerübergang in Penzing!) und Keramikköpfen, die ein bisschen an gepfählte Trophäen erinnern. Den Weg ins Zimmer prägt man sich besser ganz genau ein, damit man es auch später noch wiederfindet. Die Frage nach einem Schlossgespenst wird zwar bejaht, aber Details bleiben geheimnisvoll im Dunkeln – man spricht nicht gerne darüber, aber es war schon einmal ein Geisterjäger hier!






Grauslichstes Wetter zum Abschluss
Die Nacht vergeht ohne nennenswerte Störaktionen der Spukgestalt. Unser morgendlicher Blick aus dem Burgzimmerfenster offenbart ein trübes Grau in Grau – es herrscht Regenponcho-Wetter (Karsamstag, 4.4.26). Seit Stift Göttweig hat Markus einen gewichtigen Stein auf Stoaroas im Gepäck – ein farbenfrohes Kilogramm mit drei hübschen schwarzen Katzen drauf. Gestern Abend hinter der Burg ausgelegt, entdecke ich ihn beim Frühstück am Nachbartisch wieder – er darf nach Salzburg weiterreisen. Wir lassen uns besonders viel Zeit beim Essen und entdecken wieder ein paar noch nie gesehene Details in der Taverne. Schließlich starten wir in eine komplett verregnete Teiletappe. Der stürmische Wind macht das Wandern nicht angenehmer. Die Aussichten nach Südwesten sind geprägt von verschneiten Bergen und noch bevor wir das Schindelegg auf einem Höhenrücken erreichen, stapfen wir nordseitig durch matschigen Schnee. Ausnahmsweise sind wir heute dankbar für Asphalt, den es hin und wieder sogar gibt.




Die heilende Kraft der Sandkörner
Wir kommen zu einem Sandstein hinter einem überdachten Holzzaun. Der „Rainstein“ musste vor einiger Zeit auf diese Art „gesichert“ werden, denn seit seiner Aufstellung im 18. Jahrhundert glaubte man, dass in der Sonnwendnacht abgekratzte Sandsteinbröckerl als Tierarznei dienen könnten, was natürlich das Volumen des Steins ganz unnatürlich schrumpfen ließ. Bei leichtem Dauerregen erreichen wir schließlich den Bodinggraben, wo sich mehrere Häuser zur Ansiedlung „Gruft“ zusammenrotten. Meine Liste der morbiden Anschriften findet jedenfalls eine Erweiterung. Schon enthalten sind: Sensengasse – früher tatsächlich Totengasse genannt; Blutgasse – entweder früher Schlachthäuser in der Nähe oder nach niedergemetzelten Tempelrittern benannt; Sargfabrik in Penzing – früher: eh klar, heute: Wohn- und Kulturraum; Stirbwegtunnel in Hausleiten – na gut, dort wohnt aber niemand. Schließlich erreichen wir St. Anton an der Jeßnitz und unsere Wanderung findet notgedrungen ihr Ende, denn das Almhaus Hochbärneck weilt noch bis 8.4. im Betriebsurlaub und die Schindlhütte hat wegen einer Geburtstagsfeier alle Betten belegt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der Ostersonntag mit Sonnenschein und blauem Himmel bei frühsommerlichen 25°C glänzte.




Naturpark Ötscher-Tormäuer
Ein Monat später (Samstag, 2.5.26) geht es bei traumhaftem Wetter von St. Anton an der Jeßnitz durch den Reifgraben zum Almhaus Hochbärneck, das seinen Betriebsurlaub beendet hat und uns ein schmackhaftes Mittagessen kocht. Ein Abstecher zum Aussichtsturm belohnt uns mit einem guten Blick auf den Ötscher. Es geht hinunter zur wildromantischen Erlauf, der wir bis zur Schindlhütte folgen. Wir sind nicht alleine unterwegs, auch eine oberösterreichische Wallfahrergruppe und einige Via-Aqua-Begeher*innen haben sich wandernd aufgemacht und werden nun mit Schmankerln bei der Schindlhütte verwöhnt. Über imposante Metallstiegen geht es hinauf zum Eingang der Ötscher-Tropfsteinhöhle.





Auf Ersatzwegen geht’s dahin
Ein zuvorkommender Mann bei der Höhle erklärt uns, dass wir nicht wie geplant am 05er fortsetzen können. Einerseits übt die örtliche Jägerschaft heute das Schießen am Höhenrücken oberhalb des Höhleneingangs – das nennt sich dann „Einschießen“ – und andererseits ist der Weg übers Raneck aufgrund von Forstarbeiten gesperrt. Für beide Problemstellen nennt er uns freundlicherweise Wegalternativen und lässt uns weiterziehen. Die Schüsse sind auch auf der Alternativroute gut zu hören. Beim Kerschbaumerhof angelangt, herrscht dort ob des Jagd-Openings geschäftiges Treiben. Bald stoßen wir auf die zweite Wegsperre, die aber tip-top mit einer Ersatzroute ausgeschildert ist – wir gehen also über den Weg Nr. 14 und somit über das Steingrabenkreuz. Die Ötscherwiese lassen wir aus, denn die Familie Digruber weilt noch bis Sonntag im Betriebsurlaub. Stattdessen steigen wir in den Ort Lackenhof ab, wo wir im Sport-Hotel Quartier beziehen. Der ganze Ort ist wie ausgestorben, jegliche Gastronomie hat geschlossen. Wie gut, dass das Sporthotel einen gefüllten Tiefkühler und eine Mikrowelle besitzt und die weitwandernden Gäste nicht verhungern lässt.





Fernblick bei Kaiserwetter
Ausgeruht und gestärkt geht es am nächsten Vormittag (Sonntag, 3.5.26) gleich einmal mit einigen Höhenmetern zum Riffelsattel hinauf. Richtiges Bilderbuchwetter ist uns heute geschenkt und wir sehen unsere nahen (Gemeindealpe) und fernen (Hohe Veitsch und Hochschwab) Ziele. In einem fröhlichen Auf und Ab geht es an prächtigen Schneerosen und leuchtenden Schusternagerln vorbei. Die Aussicht ist grandios! Teilweise geht es noch über Altschneereste dahin, die aber keine Schwierigkeiten bereiten. Bei der Feldwiesalm ist es Zeit für eine ausgiebige Jausenpause und anschließend steigen wir zur Gemeindealpe hinauf. Das Terzer Haus ist nur geöffnet bei Liftbetrieb, aber die Aufstiegshilfe ruht an diesem langen Wochenende und somit auch der Herd der Hütte. Dann legen wir eben eine Rast beim Gipfelkreuz ein – ist eigentlich eh viel schöner!






Kirtagstimmung am Erlaufsee
Auf steilem Weg geht‘s hinunter zum Erlaufsee, wo der Bär ordentlich steppt: eine ganze Heerschar von Sonntagsausflüglern tummelt sich hier und der Trubel lässt uns schnell das Weite suchen. Daher werfen wir auch nur kurz einen Blick auf den granitenen Wanderstein. Eben dahin geht es nach Sankt Sebastian und schon bald sehen wir die Türme der Basilika von Mariazell, an deren Pforte wir unsere Wanderung durch die Voralpen auf dem Nord-Süd-Weitwanderweg 05 glücklich und zufrieden beenden.




