A bissal Weinviertelweg 632, a bissal Großer Tullnerfelder Rundwanderweg 675, dazwischen Neuland und abschließend auf schönstem Weg mit „Wachau-Feeling“ direkt nach Krems-Downtown – 150 kurzweilige Kilometer am Jakobsweg durch das Weinviertel.

Stempelbox in Weinsteig

Dieser Jakobsweg ist mir „passiert“

Mit dem Verein Jakobsweg Weinviertel gibt es seit 2022 eine Art gemeinsame Nutzung der Wegedatenbank des ÖAV. Das macht durchaus Sinn, denn der Jakobsweg verläuft im Weinviertel eigentlich mehr oder weniger parallel mit dem Weinviertelweg 632, den wir im südlichen Teil markieren. Persönlich kennengelernt habe ich die Gesichter hinter dem Jakobswegverein aber erst beim Weinviertelfest im Mai 2024 am Hof in Wien, wo mir Werner einen „Jakobswegweiser Weinviertel“ in die Hand drückte. Wer jetzt an die klassischen gelben Wegweiser denkt, sei gleich aufgeklärt: bei diesem „Wegweiser“ handelt sich um einen Wanderführer im Buchformat mit Etappenbeschreibungen, Kartenmaterial und Stempelfeldern. Zu Hause angekommen, wandert das Büchlein schnell ins Regal. Viele Monate später fällt uns der Große Tullnerfelder Rundwanderweg 475/675 unerwartet in den Schoß und ich komme drauf, dass wiederrum der südliche Teil vom Jakobsweg ab Stockerau doch tatsächlich mehr oder weniger parallel zum 675er verläuft. Grund genug, das Buch wieder hervorzuholen.

Tag 1: von Großrußbach nach Stockerau (28 km)

An einem unterrichtsfreien Freitag beschließe ich, mir die Route von Großrußbach bis Stockerau anzuschauen, denn dieser Abschnitt bildet den Lückenschluss zwischen dem Weinviertelweg und dem Tullnerfelder Rundwanderweg und ist noch unbekannt für mich. Es ist März (6.3.26), die Luft ist kühl, die Sonne scheint und der Himmel erstrahlt in stahlblauer Farbe. Nach dem Besuch der Kirche geht’s zum Schloss, wo 2010 die feierliche Eröffnung des Jakobswegs Weinviertel stattfand. Entlang des Baches geht es hinaus aus dem Ort und Weinsteig ist schnell erreicht. Die leuchtend blaue Stempelbox ist an der Kirchenmauer fixiert – an sämtlichen Kirchen und Kapellen entlang des gesamten Weges werde ich solche Boxen antreffen, stets gefüllt mit intakten Stempeln zum jeweiligen Ort, oft auch mit einem sogenannten Anliegenbuch und manchmal sogar mit einem mechanischen Handzähler zur Dokumentation der Pilgeranzahl – alles tip-top organisiert!

Über die Weinviertler Klippenzone

Zuerst die Fleischerei Pfennigbauer, dann der Kirchberg in Karnabrunn sind meine weiteren Ziele. Nach einer langen Waldwanderung folgen die Bergwertungen Steinberg (375m), Michelberg (409m, mit Bergkapelle) und Waschberg (388m, mit Gipfelkreuz und Gedenkstein für die 1. österreichische Segelflugwoche 1923). Die Flora zeigt sich typisch für die Jahreszeit: Leberblümchen, Dirndlblüten und am Waschberg schließlich eine Große Küchenschelle – eine nicht ganz alltägliche Sichtung. Ansonsten sind die Bäume kahler als kahl und die Wiesen und Felder brauner als braun. Vom Waschberg hinunter verliere ich den Weg, finde aber trotzdem nach Leitzersdorf, wo sich eine der 4 Jakobskirchen am Weg befindet (die anderen sind in Falkenstein, Etsdorf am Kamp und Brunn im Felde). Von Weitem sieht man schon den höchsten Kirchturm Niederösterreichs, aber noch zähe 6 km trennen mich von meinem Ziel in Stockerau. Glücklich geht es schließlich zum Bahnhof.

Ein Armband für die Peregrina

Eine Woche später begrüßt mich Fritz als „Peregrina“ und überreicht mir zwei schmucke Pilgerarmbänder – jetzt bin ich also Pilgerin am Camino de Santiago! „No sueñes tu vida, vive tus sueñes“ steht in weißer Schrift auf dem satten Gelb zu lesen. Danielle übersetzt es für mich, denn das kommt mir Spanisch vor: „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“. Aha. Da muss ich also erstmal mit dem Träumen beginnen und dann vermutlich den Jakobsweg zu Ende gehen. Das zweite Band – ein schönes blaues – ist für Markus, der will aber partout nicht pilgern, also wird Andrea damit beschenkt, die mich auf der nächsten Etappe begleiten wird.

Tag 2: von Mikulov nach Mistelbach (41 km)

Mehr als zwei Monate nach meiner ersten „Jakobsweg-Erfahrung“ fahren Andrea und ich mit dem Zug nach Tschechien, genauer nach Mikulov, wo sich der südmährische Jakobsweg über die Grenze hinweg mit dem Jakobsweg Weinviertel verbindet (15.5.26). Da wir den offiziellen Start und Wegverlauf von Drasenhofen schon vom 632er kennen, ist es naheliegend, die Variante ab Mikulov zu erkunden. Wir besteigen den Heiligen Berg (363 m), wo die Kirche zum Hl. Sebastian den Startpunkt markiert. Wir genießen die fabelhafte Aussicht auf die Stadt, die tiefhängenden Regenwolken Richtung Süden zeigen unsere nahe Zukunft. Andrea schlägt sich ausgesprochen gut beim steinigen Abstieg und so sind wir bald auf der schnurgeraden Straße zur Grenze unterwegs. Horizontaler Regen setzt ein und begleitet uns für die nächste Stunde. In der desolaten Einöde des Grenzbereichs findet bei einer Wegkreuzung der – Überraschung – Niederösterreichische Landesrundwanderweg (!) zu uns.

Weinbaukultur im Wilden Süden

Das Südmährerkreuz am Schweinbarther Berg sehen wir durch den Regenschleier in einiger Entfernung. Bei der Kirche in Kleinschweinbarth angekommen, erreichen uns erstaunlicherweise die ersten Sonnenstrahlen des heutigen Tages! Über Stützenhofen geht es nach Falkenstein, das von Weinreben umgeben malerisch vor uns liegt. Die Wolkenformationen am Himmel könnten nicht spektakulärer sein! Über die Kellergasse verlassen wir Falkenstein, es folgt ein langes Waldstück und es geht über die nächste Kellergasse nach Poysdorf hinein. Nach einem stärkenden Kaffee verabschiedet sich Andrea und ich wandere alleine den Poybach entlang zur Kirche Maria Bründl. Ab Kleinhadersdorf halte ich mich direkt Richtung Süden. Das lange Waldstück zieht sich ordentlich und ich spüre die zunehmende Kilometeranzahl in den Beinen. Selbst eine wilde Schießerei im militärischen Sperrgebiet kann meinen Schritt nicht mehr beschleunigen. Bei der Kirche Maria Rast finde ich den Mistelbacher-Stempel, ein zusätzlicher Aufstieg zur Pfarrkirche wird nicht mit einem weiteren Stempel belohnt. Müde erreiche ich nach diesem „beinahe-Marathon“ den Bahnhof Mistelbach.

Tag 3: von Stockerau nach Absdorf (22,5 km)

Anbieten würde sich jetzt eigentlich der Lückenschluss zwischen Mistelbach und Großrußbach, aber mit 38 km ist mir das gerade zu anstrengend. Ich wünsche mir eine überschaubare Etappe mit Unterbrechungsmöglichkeiten, also wandere ich von Stockerau westwärts weiter (1.6.26). Vom Wahrzeichen der Stadt – der Kirchturm – geht es über das Rathaus zum Kloster St. Koloman, wo der einstige Pilger an einem Hollerbusch (wo sonst?) aufgehängt wurde. Üppige Rosenbüsche markieren die Stelle und hinter der Steinmauer ragt tatsächlich ein Sambucus nigra mit ungewöhnlich dickem, knorrigem Stamm empor – der Legende nach ist das noch der originale Wurzelstock, aus dem sich der Strauch immer wieder selbst verjüngt… Am Weg des Jakobus d. Ä. trifft man also auf Koloman. Doch das „Lexikon der Symbole – Bilder und Zeichen der christlichen Kunst“ von Gerd Heinz-Mohr kennt noch eine ganze Reihe weiterer Pilger und sogar 2 Pilgerinnen. Alexius, Bovo, Julian der Gastfreundliche, Rochus, Sebaldus von Nürnberg, Brigitta von Schweden und Savina von Troyes werden da genannt. Und sogar Erzengel Raphael, als Reisebegleiter vom jungen Tobias, ist so eine Art Pilger – ganz nach dem Motto: „Wer seine Flügel liebt, der geht!“.

Am letzten Weg mit oder ohne Brüsten

Die Wolken hängen wieder einmal schwer am Himmel und zwischen Unter- und Oberzögersdorf peitscht der Wind den Regen in mein Gesicht. Noch bevor ich den Wagram hinaufsteige, ist der Wetterspuk schon wieder vorbei. Auf der Hochfläche ragen zarte, weiße Spitzen aus mächtigen Erdwällen – es ist Erntezeit auf den Spargeldämmen und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Von oben habe ich eine gute Sicht auf Hausleiten und wenig später geht es durch die Kellergasse wieder hinunter und zur Kirche St. Agatha. Die Heilige zeigt sich am Altarbild noch mit ihren Brüsten, doch das Messer wird schon angesetzt. Der Jakobsweg führt nun kurioserweise unter dem Pfarrhof durch. Dort verläuft der Stirbwegtunnel. Früher hat man die Toten von den umliegenden Ortschaften über diesen Weg zum Friedhof von Hausleiten gebracht. Nicht besonders lebendig, aber auch noch nicht tot, geht’s an Weingärten vorbei eher monoton auf dem Radweg unterhalb des Wagrams dahin. Gaisruck und Eggendorf werden passiert. Weithin sichtbar kündigt das Schloss Juliusburg den nächsten Ort am Wagram an: Stetteldorf. Die Barockkirche ist eingerüstet und somit wenig einladend. Bald bin ich wieder am Radweg Richtung Westen unterwegs. Auf der Höhe von Absdorf biege ich links zum Bahnhof Absdorf-Hippersdorf statt rechts auf den Wagram ab. Ich bin ungewöhnlich erschöpft nach diesen 20 km. Fantasiert habe ich schon davon, die etwas mehr als 60 km nach Krems in zwei Tagen zu gehen, aber mein Körper mag nicht – dann werden es eben 3 Tage. Ich fahre nach Hause und komme eine Woche später wieder.

Tag 4: von Absdorf bis Fels am Wagram (19 km)

Vom Bahnhof ist es ein guter Kilometer bis ich den Jakobsweg wieder erreiche (7.6.26). Gleich geht es über einen schmalen Pfad steil den Wagram hinauf. Die Bergauf-Passage währt nicht lange, denn der Wagram misst auch an seiner höchsten Stelle nur knappe 40 Meter. Trotzdem fällt die markante Geländekante im flachen Tullnerfeld gleich auf. Der eiszeitliche Löss schafft ideale Bedingungen für den Weinbau an den Südhängen des Wagrams, während der fruchtbare Boden oben für den Ackerbau genutzt wird. Eine Aussichtsplattform mit Fernblick lädt zum Verweilen ein und die Gedanken schweifen tief in die Vergangenheit: ich stehe am steilen Ufer der Urdonau, deren unzählige Schleifen sich tief in die vom Urmeer zurückgebliebenen Sedimente eingegraben haben. Ich gehe den vorzeitlichen Meeresstrand ein Stück Richtung Nordwesten entlang und lande schließlich im historischen Kellerensemble von Absberg, das so gar nicht nach lange vergangenen Erdzeitaltern aussieht.

Go West!

Hippersdorf wird nur am Südrand gestreift und Königsbrunn hat gleicht 3 religiöse Bauwerke: eine Kirche, ein Lourdes-Kapelle und eine Friedenskapelle am Friedhof, wo der Stempel seiner Benutzung harrt. Weingärten, Unterstockstall, Wiesen und Felder – und dazwischen werden reife Kirschen genascht, die hier – dem Wagram sei Dank – besonders gut gedeihen. In Kirchberg wurde der Alchemistenpark – wahrscheinlich wegen erfolgloser Versuche Metall in Gold umzuwandeln – in eine essbare Landschaft umfunktioniert, die sicher mehr „Ertrag“ liefert. Recht ereignis- und schattenlos geht es bei relativ blauem Himmel mit pittoresken Wolkenformationen durch Felder von Kirchberg über Engelmannsbrunn nach Fels am Wagram, wo ich am Bahnhof meine Wanderung beende.

Ehrwürdiges Gold auf Schwarz

Einen Tag später schaue ich in Mamas Café vorbei. Eigentlich nicht zum Kaffeetrinken, aber dann später doch. An bester Adresse (Stephansplatz 6) werden in diesem Social Business der Erzdiözese Wien die Kuchen und Kaffees von Alleinerzieherinnen mit Migrationshintergrund serviert, was die Frauen in schwierigen Lebenslagen unterstützt und sie in der Gastronomie hoffentlich fußfassen lässt. Im ersten Stock gibt es ein kleines Pilgerbüro, wo ich meine vorbestellten Pilgerausweise abhole. „Credencial del Peregrino – Catedral de Santiago“ steht in goldenen Buchstaben auf schwarzem Grund zu lesen. Die Faltkarte aus robustem Karton lässt viel Platz für die Stempel, die auf dem Weg in den äußersten Nordwesten Spaniens zu sammeln sind. Fein säuberlich schreibt die Pilgerberaterin die Namen auf die zweite Seite – kein Pilgerpass darf hier namenlos den Zwettlerhof verlassen – und drückt auch gleich den Abdruck des Stephansdoms auf Seite 3. Nichts ist fix, aber wer weiß? Meine drei Kolleginnen haben es sich inzwischen schon im Erdgeschoß gemütlich gemacht und ihre Pharmakologie-Lernkärtchen ausgepackt. Wir trinken Kaffee, naschen Kuchen und gehen den Stoff durch. Ich wundere mich über die Themen: Hämostyptika, Fibrinolytika, Hypnotika und sogar Inhalationsnarkotika. Das wird eine zukünftige Diätologin einmal brauchen??? Wohl kaum. Die Armen quälen sich durch das Skriptum, mir wurde das Fach anerkannt. Zum Glück erspare ich mir das!

Tag 5: von Fels am Wagram nach Krems (25 km)

Während meine Mitstudierenden bei der Pharmakologie-Prüfung schwitzen, verbringe ich meinen freien Tag am Weinviertler Jakobsweg (9.6.26). Der Große Tullnerfelder Rundwanderweg 675 verabschiedet sich vom Jakobsweg bei Fels am Wagram und führt südlicher über Grafenegg nach Krems. Vom Felser Bahnhof gehe ich also zunächst einmal 1 km in die Gemeinde zurück, dann Richtung Westen durch Felder nach Feuersbrunn. Durch Weingärten wandernd erreiche ich den Friedensstupa, der mir von der Bahn aus schon oft aufgefallen ist. Es ist ein Ort der Stille und der Meditation – ein schöner Ort und ich bin die einzige Besucherin. Bei Etsdorf am Kamp treffe ich auf die dritte Jakobskirche am Weg und bei Schloss Walkersdorf versäume ich die Abzweigung und mache einen kleinen Umweg – den Kamp bei Diendorf erreiche ich aber dennoch. Nun folgt eine schöne, lange Wanderung entlang des Kamps nach Süden. In Brunn im Felde wartet nun die 4. Jakobskirche auf einen Besuch.

Das Tor zur Wachau

Nördlich von Gedersdorf geht es dann hinein ins Weinbaugebiet, wo ich auch auf den etwa 100 km langen Wanderweg Kremstal-Donau treffe. Alles hier erinnert schon sehr an die Wachau, darf sich aber nicht so nennen, denn das UNESCO-Weltkulturerbe Wachau liegt offiziell zwischen Krems und Melk, also ein kleines Stück westlicher. Der Weg führt auf den letzten 9 km durch Trockenrasen und Weinhänge, in der Ferne erhebt sich das Stift Göttweig, in der Nähe zieren hunderte von Bruthöhen die Lösswände. Ein paar Höhenmeter gehen immer und so genieße ich bald schöne Ausblicke auf Rohrendorf und Krems. Über die sehr lange Kellergasse von Krems erreicht man fast direkt die Fußgängerzone im Zentrum und der „Dom der Wachau“ – die Stadtpfarrkirche – ist schnell gefunden.

Jakob und seine Wege

Der Jakobsweg Weinviertel endet hier und mündet via Mautern beim Göttweiger-Berg in den österreichischen Hauptweg, der sich nahtlos über die Schweiz und Frankreich in das europäische Streckennetz der Jakobswege eingliedert. Im französischen Saint-Jean-Pied-de-Port vereinigen sich einige der anderen Jakobswege Europas und ziehen gemeinsam über den Camino Francés durch Spanien bis zum Grab von Jakobus d. Ä. in Santiago de Compostela. Von Krems sind das noch über 3.000 km. Auch wenn ein Plakat in der Kremser Kirche mir mitteilt, dass ich mein Ziel erreicht habe, weiß ich doch, dass mir noch fast 40 km zu meiner Urkunde fehlen. Am Bahnhof wartet schon der REX 4 auf mich.

Tag 6: von Mistelbach nach Großrußbach (38,5 km)

Es ist Juli (14.7.26) und der Sommer ist in vollem Gange! Fünf Wochen sind vergangen, seit ich in Krems meine vorletzte Etappe am Weinviertler Jakobsweg abgeschlossen habe. Es hat ein bissal gedauert, bis ich mich wieder zu einer langen Wanderung motivieren konnte. Jetzt passt aber alles soweit. Es kann also losgehen. Die Strecke ist mir wohlbekannt, denn ein Teil davon ist unser Markierungsabschnitt am Weinviertelweg. Vom Mistelbacher Bahnhof mache ich noch einen kleinen Abstecher zum Michael-Jackson-Denkmal, ja genau, so etwas gibt es in der internationalen Metropole Mistelbach! Peinlicherweise war ich noch nie dort, obwohl wir seit 2022 mindestens einmal im Jahr nach getaner Arbeit am 632er aus der Bezirkshauptstadt abreisen. Blumen, Briefchen, Kerzen – alles für den King of Pop. Hier scheint es also eine Fangemeinde zu geben.

Die glühende Hitze rund um Asparn

Vom Bahnhof geht es zügig hinaus und durch die trockenen Felder und Wiesen erreiche ich Hüttendorf, wo am Ortsende ein neues Rastplatzl mit Getränkekühlschrank zu einer Stärkung einlädt. Abseits des bekannten Weges geht es nun am Radweg entlang nach Asparn an der Zaya, was eine Wegvariante des Jakobsweges ist. Am Draisinen-Bahnhof vorbei gehe ich in die Ortschaft und erreiche alsbald das Schloss Asparn, das aber komplett eingerüstet dasteht. Hier ist das MAMUZ (die kryptische Abkürzung ergibt sich aus dem sperrigen Mistelbach-Asparn-MUseumsZentrum) zur Ur- und Frühgeschichte untergebracht und am Parkplatz steht ein ukrainischer Bus – es ist also, zumindest heute, gut besucht. Auf der Landesstraße und später auf einem Feldweg geht es für mich Richtung Bründlwald, den ich schon sehr herbeisehne. Es ist heute ausgesprochen sommerlich und die schattenlose Straßenpassage bringt mich ganz schön ins Schwitzen. Immerhin bis zur Buschberghütte – natürlich ist sie dienstags geschlossen – hab ich es angenehm fein unter dem Blätterdach. Richtung Oberleis hat die Landschaft fast schon einen Steppencharakter, so extrem trocken ist hier alles.

Abkühlung

In Ernstbrunn lege ich im Café eine längere Pause ein, denn bis Großrußbach sind es nur mehr 9 km und mein Bus fährt erst gegen Abend. Der Jakobsweg verlässt Ernstbrunn – anders als der 632er (und auch der 07er, der hier ebenfalls verläuft) – nach Süden und wendet sich dann nach Osten, tangiert die Ortschaft Gebmanns im Norden und erreicht Hipples nach einer langen, schattenlosen Wegstrecke. Hinter einer Scheune steigt dichter, schwarzer Rauch auf – die Feuerwehrjugend ist am Üben, aber der Wasserstrahl trifft mit Vorliebe die zuschauenden Erwachsenen, was aber bei den aktuellen Temperaturen niemanden wirklich stört. Der Himmel trägt inzwischen Schleierwolken und von Südwesten her braut sich einiges zusammen. Ohne prahle Sonne geht es sich jedenfalls leichter!

Unnötiger Ballast am Rücken

Hinter Hipples hoffe ich nun, unseren umgeworfenen Lärchenpflock in den Feldern zu finden. Eine rätselhafte Meldung hat uns diesbezüglich vor einiger Zeit erreicht. Aus diesem Grund beinhaltet mein Rucksack nicht nur Proviant und Wasser, sondern auch einen Vorschlaghammer, um den Pflock wieder einzuschlagen. Doch weit und breit ist kein Pflock zu finden und auch die Jakobswegweiser sind an zwei Stellen verschwunden, stattdessen ist der ehemalige Feldweg nun verbreitert, asphaltiert und als Fahrradstraße ausgewiesen. Zumindest gibt es einen neuen Rastplatz mit bequemen Liegen, die ich auch gleich ausprobiere. Wie dumm und sinnlos war bitte schön das Mitschleppen dieses Vorschlaghammers? Na, jetzt ist es auch schon egal! Ich trotte weiter bis Großrußbach, wo ich mir beim kleinen Nahversorger eine Jause besorge. „Hast du es noch weit heute?“ fragt die freundliche Dame hinter der Theke. Nein, es ist geschafft! Hier, mitten im Weinviertel, hole ich zufrieden und glücklich meinen letzten noch offenen Stempel für den Jakobsweg Weinviertel ein.

Ein Urlaubsmitbringsel wird zum Pilgersymbol

Während ich heimfahre, bohrt Markus ein Loch in eine Jakobsmuschel, die wir seinerzeit am Strand von Erquy in der Bretagne gefunden haben – ziemlich genau 15 Jahre ist das her. Es ist die flache Oberseite der Muschel und sie trägt einige Zeugnisse ihrer Lebensgeschichte: drei Seepocken erheben sich wie kleine Vulkane, einige Minilöcher wurden von hungrigen Meeresschnecken hineingeätzt, ein paar kalkige Überreste von Wurmröhren kleben an den Längsrillen, ein tiefer Riss zieht sich von der breiten Kante ins Innere und undefinierbare Ablagerungen haften an der Oberfläche. Die Jahresringe sind nur schwer zu erkennen. An einem Bändchen soll die Muschel zukünftig von meinem Pilgerrucksack baumeln.

Pilgerarmband, Pilgerausweis und Jakobsmuschel liegen bereit für das nächste Abenteuer. Aber wohin die Reise geht, wird sich noch zeigen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.