“Ein Jahr lang einmal pro Monat durch den Botanischen Garten Wien spazieren.” So lautete mein Neujahrsvorsatz 2025. Und so wurde er umgesetzt…

Typischer Gartenbewohner im Juni

Jänner

Ein kalter und grauer Jänner liegt hinter uns und außer dem ominösen Industrieschnee fiel nichts Weißes vom Himmel. Seit ein paar Tagen haltet sich die Temperatur bei 10°C, doch heute (28.1.2025), und nur heute, schnellt das Thermometer auf 17°C hinauf – Migränewetter. Mit Seractil® im Blut spaziere ich durch den Hortus Botanicus Vindobonensis, wie sich diese systematische Sammlung von floralen Besonderheiten im Gründungsjahr 1754 nannte. Lange war ich nicht hier. Aber 2025 möchte ich dem Botanischen Garten der Universität Wien einen monatlichen Besuch abstatten.

Die aktuelle Wärme kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Winter ist – die Bäume sind kahl, das Gras ist fahl und im Garten dominieren erdige Töne. Frische Farbtupfen findet man im Rasen, wo sich mancherorts knallgelbe Winterlinge (Eranthis hyemalis) flächendeckend über große Teile der Wiesen ausbreiten. Der Honigstrauch (Melianthus sp.) setzt mit seinen immergrünen Blättern ebenfalls schöne Akzente in der Farbe der Hoffnung. Der Winter-Jasmin (Jasminum nudiflorum) ziert sich noch ein bisschen und hat bis jetzt nur wenige gelbe Blüten geöffnet. Umso prachtvoller zeigt sich die Winterblüte (Chimonanthus praecox), ein in China beheimateter Strauch. Seine zarten, cremeweißen, hängenden Blüten sind in der Mitte purpurrot und verströmen einen intensiven Duft nach Vanille.

Feber

Dichter, kondensierender Nebel bei 4°C legt sich als zarter Schleier auf meine Brillengläser, während ich den Garten über den Haupteingang in der Mechelgasse betrete (25.2.2025). Nach nur wenigen Metern fällt eine schöne Topfpflanze mit filigranen Blüten auf – die gelben, bandartigen Kronblätter der Zaubernuss (Hamamelis sp.) ziehen den Blick magisch an. Der Garten liegt im Winterschlaf und das Wetter verstärkt diesen Eindruck. Dick eingepackte Besucher*innen sind vereinzelt zu sehen. Aber es gibt sie, die Lebenszeichen im Winter. Gleich mehrere Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) zeigen sich. Die leuchtend gelben Beerenfrüchte der Stechpalme (Ilex aquifolium „Bacciflava“) stechen ins Auge, während die Dirndlblüten (Kornelkirsche, Cornus mas) zwar schon prall, aber noch nicht aufgegangen sind. Die Temperaturen waren doch recht winterlich in den letzten Wochen.

März

Der Himmel ist von einem unwirklich scheinenden Blau an diesem Dienstag (18.3.2025), die Luft erfrischend bei 8°C. Gleich am Beginn der breiten Allee zeigen Steinskulpturen, dass hier der Sommerplatz der Kakteengruppe ist. Von Oktober bis April tummeln sich die Sukkulente aus der „Neuen Welt“ lieber im wohlig temperierten Gewächshaus. Aber lange dauert es nicht mehr. Der Frühling kündigt sich schon kräftig an mit der Großen Küchenschelle (Pulsatilla grandis) und dem Leberblümchen (Hepatica nobilis). Auch die aus Japan stammende Schweifähre (Stachyurus praecox), auch Japanischer Perlschweif genannt, steht in voller Blüte: ihre kleinen Glöckchen erscheinen wie auf einer Perlenschnur aufgereiht und sind wahrlich hübsch anzuschauen. Die meisten Bäume sind allerdings noch im Knospenstadium, aber natürlich trotzdem spannend zu beobachten. Der unter anderem in Korea beheimatete Fächer-Ahorn (Acer palmatum) streckt fingerförmig seine schmalen, rötlichen Ästchen dem Firmament entgegen. Die neue Gartendirektorin Krissa Skogen ist heute leider nicht in ihrem natürlichen Habitat anzutreffen.

April

Die Raritätenbörse ist an diesem sonnigen, aber stürmischen Freitagnachmittag (11.4.2025) in vollem Gange. Bei 61 Ständen können Interessierte besondere Gemüse-Züchtungen und florale Kostbarkeiten erstehen. Nach dem Einkauf einiger Tomatenstauden und einer Melanzani-Pflanze schlendern wir an blühenden Bäumen in blühenden Wiesen vorbei. Wir erfreuen uns an der Explosion an Farben und Düften, die der Frühling mit sich bringt. Es ist eine wahre Freude!

Das Frühlings-Adonisröschen (Adonis vernalis) hat sein gelbes Sonntagskleid angezogen, während sich die Tulpen-Magnolie (Magnolia x soulangeana) in vornehmem Weiß-Rosa zeigt. Am Eingang grüßt die Myrtenblättrige Kreuzblume (Polygala myrtifolia var. Grandiflora) vom Kap der Guten Hoffnung in fröhlichem Lila. An den bereits wieder mit Wasser gefüllten historischen Becken spazieren wir vorbei zur Pannonischen Gruppe, denn dort steht nun das absolute Highlight des Gartens in Vollblüte: die Narzissenwiese (Narcissus „White Lady“). Schon alleine deshalb ist ein Besuch im April ein Pflichttermin!

Mai

Der Nachmittag des 23.5.2025 steht ganz im Zeichen der Arzneipflanzen, denn die Österreichische Gesellschaft für Phytotherapie (ÖGPHYT) ladet zu einer Pharmakobotanischen Exkursion in den Botanischen Garten ein. Christl Wolloch entführt uns in die Welt der therapeutischen Anwendungen und erzählt allerlei Wissenswertes rund um die Wirkungen der diversen Pflanzen. Der traditionsreiche und wissenschaftlich untermauerte Einsatz von Echtem Thymian (Thymus vulgaris) bei Husten ist genauso Thema wie die tödliche Giftigkeit der schwarzen Beeren der Tollkirsche (Atropa belladonna). Die harntreibende Wirkung der Gemeinen Birke (Betula pendula) ist breit bekannt. Dass ein Extrakt ihrer Rinde in Form eines Gels bei der Schmetterlingskrankheit die Wundheilung fördert, wirkt hingegen wie ein gut gehütetes Geheimnis.

Ein besonders schönes Exemplar des Roten Fingerhuts (Digitalis purpurea) nimmt uns gedanklich mit in das Jahr 1785, als William Withering in Birmingham seine Vermutungen zur Herzwirkung von Digitalis erstmals veröffentlichte. Aber die Botanik kommt auch nicht zu kurz. Einer der Fingerhüte zeigt eine seltene Anomalie: die oberste Blüte tanzt aufgrund einer genetischen Veränderung aus der Reihe und hat eine ganz andere Form als die restlichen Blüten des Blütenstandes (Pelorismus). Und das sieht man nicht alle Tage!

Juni

Der Sommer ist da – Sonne, 30°C und blauer Himmel (24.6.2025)! Die Menschen streben zu den Bänken im Schatten, auf den Kieswegen zwischen den verschiedenen Gruppen tut sich nicht allzu viel. Aber es hilft nichts. Will man das feurige Aussehen der Schopf-Fackellilie (Kniphofia uvaria) aus Südafrika genießen, muss man sie auf ihrem vollsonnigen Standort besuchen. Nicht weit davon entfernt breiten sich die gigantischen, runzeligen, Rhabarber-artigen Blätter des Mammutblatts (Gunnera tinctoria) aus. Die ungewöhnliche Größe betrifft auch den riesigen kegelförmigen Blütenkolben. Doch VORSICHT, das Gewächs gilt in Teilen Europas bereits als invasiv! Schaut man nach oben, fällt bald ein Baum mit besonders reichen Blütenständen auf. Der Gewöhnliche Trompetenbaum (Catalpa bignonioides) hat seinen Namen vom Aussehen seiner Blüten bekommen – mit etwas Fantasie ähneln sie dem Blechblasinstrument. Obwohl es dort gleich gefühlt noch ein paar Grad mehr hat, besuche ich heute auch die „Flora von Österreich“. Im pannonischen Trockenrasen gedeiht die Pracht-Königskerze (Verbascum speciosus) – stolz und aufrecht steht sie da. In früheren Zeiten wurden aus ihren stabilen Stängeln superleichte Spazierstöcke gefertigt – quasi die Vorgänger der heutigen Wanderbehelfe aus Carbon. 😉

Juli

Der Juli war bisher recht regenreich und unterdurchschnittlich kühl, doch heute (23.7.2025) zeigt er sich von seiner sommerlichen Seite. Die Wiesen wurden abschnittsweise und zeitverzögert mit der Sense gemäht. Wie das geht, kann man im Botanischen Garten im Rahmen von Sensenkursen auch selbst lernen. Was als Zierpflanze in vielen Gärten hängend zu sehen ist, gibt es hier in einer aufrechten Form: gemeint ist der Garten-Fuchsschwanz (Amaranthus caudatus) aus Südamerika. Er ist schon von weitem durch seine tief purpurne Farbe der Blüten und Blätter zu sehen. Nicht so auffällig sind die stacheligen, rosa Hülsenfrüchte des Römischen Süßholzes (Glycyrrhiza echinata), und dennoch schauen sie sehr besonders aus! Die Wurzel dieser Süßholz-Art kann auch für Lakritze genutzt werden, das Ergebnis schmeckt aber etwas bitterer. Noch so ein Augenschmaus ist die Indische Kermesbeere (Phytolacca acinosa) mit ihren fast schwarzen Beeren auf einem kolbenartigen Fruchtstand sitzend. Bei uns nicht heimisch, hat sie aber ihren Weg aus den gepflegten Gärten in die Natur gefunden. Im Sommer kommt man an ihr einfach nicht vorbei: die Indische Lotosblume (Nelumbo nucifera) hat das historische Wasserbecken ganz für sich. Das Geheimnis ihrer immer sauberen Blätter liegt in einem ausgefinkelten Selbstreinigungsmechanismus – das sollten unsere Wohnungen auch können…

August

Fast wäre sich der diesmonatige Besuch im Garten nicht ausgegangen, aber letztlich ergibt sich heute (30.8.2025) überraschend doch noch eine Möglichkeit. Der Sommer ist schon am ausklingen und bei angenehmen 24°C spaziert es sich besonders fein auf den Wegen. Die Gewöhnliche Sonnenblume (Helianthus annuus) – alltäglicher könnte ein Name kaum sein, und doch ist es genau diese prächtige Blüte, die so viel Freude und Wonne ins Leben zaubern kann. Der Name Wunderbaum (Ricinus communis) hingegen verspricht viel. Kann er es halten? Die handförmigen Blätter sind nicht unbedingt etwas Besonderes. Die stacheligen Früchte verbergen aber einen interessanten Samen: einerseits ist das Eiweiß Rizin enthalten, auf dessen Konto schon der ein oder andere Giftmord der Geschichte geht. Andererseits wird aus diesem Samen ein Rizin-freies Öl gewonnen, das früher zur drastischen Darmentleerung eingesetzt wurde. Gänzlich unspektakulär wirkt da daneben das Chinagras bzw. die Ramie (Boehmeria nivea), aber seit Langem ist sie nützlich als Faserpflanze im Einsatz (Mumienbinden!). Zum „Aufhübschen“ von Speisen und Gerichten müssen oft die farbintensiven Blüten der Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus) herhalten. Das kann der Eibe (Taxus baccata) wohl nicht passieren: sie ist hochgiftig und hat auf unseren Tellern nichts verloren. Aber die Ausnahme bestätigt die Regel: der einzige ungiftige Teil der Eibe ist der rotleuchtende Fruchtmantel.

September

Es ist ein herbstlicher Dienstagnachmittag (23.9.2025) bei 17°C und dunkle Wolken hängen tief. Aber sie schauen nur so böse – es wird die nächsten Stunden über trocken bleiben. Vieles ist bereits verblüht und befindet sich im Fruchtstadium. Die ein oder andere Blüte kann ich aber doch noch entdecken. Mit ihren zarten Kronblättern in schwachem Orangerot sticht die Kugelmalve (Sphaeralcea coccinea) aus der vertrockneten Umgebung heraus. In ihrer Nähe stoße ich auf einen Mannstreu, aber einen außergewöhnlichen mit blauen Hüllblättern. Es ist der Amethyst-Mannstreu (Eryngium amethystinum) und in natura findet man ihn im Apennin und am Balkan. Der Herbst gehört eigentlich der Dahlie. Im sogenannten Parterre findet man unterschiedliche Züchtungen in diversen Formen und Farben. Eine Semi-Kaktus-Dahlie und eine Seerosen-Dahlie fallen mir besonders ins Auge, aber auch die anderen Dahlien leuchten über den Rasen. Sie wirken wie ein letztes Aufgebot, ein letzter Gruß des Sommers in den sonst schon kahler werdenden Beeten.

Oktober

Die Tage werden spürbar kürzer und die Blätter haben die Produktion von grünem Farbstoff eingestellt – der Garten strahlt in Gelb-, Orange- und Rottönen an diesem Freitagnachmittag (17.10.2025). Der Himmel ist bedeckt und die 12°C lassen mich meinen Schal enger ziehen. Zahlreiche Gartengäste genießen das bunte Schauspiel. Unweit des Haupteingangs warten die Pflanzen der Kalthaus-Gruppe in ihren Kübeln noch auf die alljährliche Umsiedelung, die vor den ersten strengen Frösten stattfinden wird. Die Bitterorangen (Poncirus trifoliata) sind nun reif und verströmen ein betörendes Zitrusaroma. Doch leider sind die Früchte ungenießbar und auch sonst ist die Pflanze gut geschützt durch ihre langen Dornen. Dornen einer ganz anderen Art hat die südamerikanische Ankerpflanze (Colletia paradoxa). Der blattlose Strauch mit ankerartigen Dornen trägt erst im Herbst seine Blüten, die die Luft mit einem zarten Duft erfüllen. In unmittelbarer Nachbarschaft wächst chinesischer Schwerins Steinapfel (Osteomeles schwerinae). Wie der Name schon vermuten lässt, schauen die Früchte aus wie kleine Äpfel und sind sogar essbar. Die violetten Früchte bilden mit den zierlichen Fiederblättchen ein hübsches, herbstliches Ensemble.

November

Der Winter rückt unaufhaltsam heran und die 5°C bei bedecktem Himmel sind alles andere als einladend, als ich an diesem Freitagnachmittag (14.11.2025) den Garten betrete. Aber ich bin kurz davor der Kälte zu entfliehen: zweimal links abbiegen und schon umhüllen mich wonnige 30°C bei brillentötender 90%iger Luftfeuchtigkeit. Im Tropenhaus fühlen sich Riesenbambus (Dendrocalamus giganteus), Arabica-Kaffee (Coffea arabica) und der Leberwurstbaum (Kigelia africana) pudelwohl. Nachdem der Kakaobaum („Speise der Götter“ Theobroma cacao) derzeit keine Früchte trägt, hat man kurzerhand mit einer „Fake-Fruit“ nachgeholfen. Die Bäume ragen viele Meter in die Höhe und das satte Grün tut der winterlichen Seele gut. Dann geht es wieder hinaus in die Kahlheit des Novembers, doch vereinzelt sind noch bunte Blätter an den Bäumen. Und was ist das? Da leuchtet ja noch etwas in Pink! Tatsächlich zeigt der Rosenblättrige Salbei (Salvia involucrata) seine schönen, schlanken Blüten. Spaziert man zurück zum Hauptweg, trifft man bald auf einen besonderen Ginkgobaum (Ginkgo biloba): der männliche Baum wurde vor vielen Jahren mit einem weiblichen Ast gepelzt, welcher heute über und über mit Früchten beladen ist. Glücklicherweise sind sie noch nicht so reif, dass sie herunterfallen und ihren unappetitlichen Geruch nach Buttersäure verströmen.

Dezember

Gleich vorweg: Schnee gibt es keinen! Die Gartenmitarbeiter*innen haben sich aber bemüht, eine weihnachtliche Stimmung zu verbreiten. Hübscher Baumschmuck in Naturfarben ziert Nadelbäume, Äste, Kletterranken und Gebäudefronten. Sogar eine Lichterkette hat sich hierher verirrt. Es ist der 22.12.2025 und es fegt ein eisiger Wind über die Wege, der die 4°C gleich noch einmal kälter erscheinen lässt. Ganz verwaist ist der Garten, kaum jemand lässt sich blicken. Kein Wunder, dass der Garten übermorgen in seine 2-wöchige Winterpause geht und für Besucher*innen geschlossen bleibt. Auf meiner Spazierrunde treffe ich auf die hier übliche „Winterverpackung“ kälteempfindlicher Pflanzen: ein Laubmantel schützt die sensiblen Arten und bringt sie gut über die kalte Jahreszeit. Mitten in dieser gewissen Trostlosigkeit des Rückzugs fällt das intensive Grün des Bambushains auf – seine immergrünen Blätter und gelben „Halme“ setzen Farbakzente im braunen Garten. Der Meergrüne Blattbambus (Phyllostachys viridiglaucescens) wurde hier bereits 1893 gepflanzt und sein Dickicht nimmt heute bereits 300m² ein. Es wird ihn wohl in 100 Jahren noch immer geben.

Unverkennbar neigt sich das Gartenjahr dem Ende zu. Und somit bin auch ich nach 12 Besuchen im Botanischen Garten am Ende meines Projekts angelangt. FAZIT: der Garten ist immer einen Besuch wert!

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