Ein Wanderer, ein Transportweg und der Schweizertrakt am Tag des Denkmals 2026

Den heurigen Tag des Denkmals verbrachten wir mit Joseph Kyselak in Hernals, flanierten am Wiener Neustädter Kanal in Simmering und wandelten durch das Appartement von Kronprinz Rudolf in der Inneren Stadt.

Ein Weitwanderer mit Farbe und Pinsel

Joseph Kyselak (1798-1831) war ein Wiener Hofkammerbeamter mit einer großen Leidenschaft für die Berge und der Eigenart, seinen Namen an ungewöhnlichen Orten zu hinterlassen. Ihm war am Tag des Denkmals 2026 ein Rundgang im Schwarzenbergpark in Neuwaldegg gewidmet. Die Kunsthistorikerin Gabriele Goffriller, im Zylinder-Kostüm, und der Schauspieler Nikolaus Barton, in Kyselak-Aufmachung, entführten die Teilnehmenden in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. An 4 Stationen (Obelisk, Mars, Lacy-Grab, Imbiss „Zur Allee“) hatte man die Gelegenheit, mehr über sein Leben und seine Gewohnheiten zu erfahren und Fan-Artikel zu erwerben. 😉 Als Kleckser und Beschmierer verunglimpft, ließ sich Kyselak dennoch nicht davon abbringen, seinen Namen mit Farbe und Pinsel auf Steinwänden, Mauern und anderen Objekten anzubringen. Am Kyselak-Graffito am Obelisken in der Schwarzenbergallee sind wir ja schon unzählige Male vorbeigelaufen. Entdeckt haben wir es aber auch schon auf unseren Wanderungen am Großen Tullnerfelder Rundwanderweg an einer Zinne der Donau-Warte bei Stein und am Nord-Süd-Weitwanderweg 05 am Fleischer-Biwak am Hochschwab. Beide sind besonders kurios, wurde die Donau-Warte doch erst 1884 errichtet und die erste Fleischerhütte erst 1904 gebaut. 1966 wurde letztere mit einer Biwakschachtel ersetzt. Wer hat also das Kyselak-Tag mit modernem Filzschreiber am Hochschwab angebracht? Wie echt sind die Aufschriften, die man heute noch findet? Vieles bleibt im Dunkeln und der Spekulation überlassen. Kurzweilig war der Spaziergang aber allemal!

Die etwas andere Pferdestärke

Von Hernals ging es mit dem 43er und der U3 in den 11. Bezirk, denn als nächstes stand ein Besuch des Bezirksmuseums Simmering am Enkplatz am Programm. Eine Sonderausstellung beschäftigt sich derzeit mit dem Wiener Neustädter Kanal. Dieser künstlich angelegte Wasserweg, der sich auch heute noch aus den Flüssen Schwarza und Pitten speist, wurde 1803 eröffnet und zum Transport von Holz, Ziegeln und Kohle von Wiener Neustadt bis zum Hafenbecken in Wien-Mitte genutzt. Die Schiffe wurden dabei von einem Pferd mit 4 km/h gezogen. Konnte ein Ross an Land eine Fracht von etwa 1 Tonne bewegen, waren es am Wasserweg ganze 30 Tonnen, die pro Frachtschiff und Pferd transportiert werden konnten. Das ist eine beeindruckende Menge, bedenkt man, dass ein Sattelschlepper heutzutage „nur“ 24 Tonnen Fracht ladet. Dem Wiener Neustädter Kanal war aber nur eine kurze Nutzungsdauer beschieden – schon 1879 wurde der Schiffsverkehr eingestellt. Die Eröffnung der Südbahn 1857 und die Fertigstellung der Pottendorfer Linie 1875 schufen im Gütertransport ganz neue Möglichkeiten. Mit den aktuellen Weiterentwicklungen kann heute von einem durchschnittlichen Güterzug auf einer Hochleistungsstrecke eine Fracht von rund 1200 Tonnen bei einer Maximalgeschwindigkeit von 160 km/h bewegt werden. Die Bahn war also der Mörder des Kanals. Naja, nicht ganz, schließlich gibt es den Wiener Neustädter Kanal auch heute noch als Naherholungsgebiet zwischen Laxenburg und Wr. Neustadt. Und sein Erbe ist auch für das Heute nicht unwesentlich: im 3. Bezirk wird der ehemalige Kanal als Trasse für die Verbindungsbahn genutzt und der Erste Wiener Eislaufverein entstand aus der Eislaufgeschichte am Hafenbecken in Wien-Mitte, wo er in etwa auch heute noch angesiedelt ist. Zur Lesung bleiben wir nicht mehr, wir sind schon etwas erschöpft.

Ein wilder Ritt durch die Vergangenheit

Nach einer Pause im „Fine Fine all‘ Italiana“ in der Argentinierstraße haben wir wieder neue Kraft für die Fortsetzung unserer Denkmal-Rallye. Unser Enthusiasmus wird schnell schaumgebremst, als wir die riesige Menschentraube vorm ORF-Funkhaus sehen. Das schaut nach langer Wartezeit aus. Ob in der Hofburg auch so viel los ist? Im ältesten Teil der Hofburg, dem Schweizertrakt mit Bauteilen aus dem 13. Jahrhundert, lebten einst Kaiser Franz I. von Österreich und Kronprinz Rudolf, heute werden diese Räume vom Bundesdenkmalamt genutzt. Über die elegante Treppe mit toskanischen Säulen und Steinbalustraden gelangen wir in den 2. Stock. Wir versammeln uns im Ahnensaal, wo sich das Bundesdenkmalamt vorstellt: gerne als „Verhinderer“ wahrgenommen, sieht sich die Behörde als Bewahrerin des kulturellen Erbes Österreichs. Der pompös ausgestattete Ahnensaal war Kronprinz Rudolfs Speisezimmer und wird heute – ganz banal und alltäglich – als Besprechungszimmer genutzt. In den angrenzenden kaiserlichen und prinzlichen Wohnräumen sind die Büros des Bundesdenkmalamtes untergebracht. Doch zurück zum Ahnensaal: Kronprinz Rudolf wünschte sich als Wanddekoration 12 lebensgroße Familienportraits seiner mächtigen Vorfahren. Und so werden wir in den nächsten 60 Minuten eloquent und kurzweilig in die Welt der Habsburger entführt. Rudolph I., Maximilian I., Karl V.; unzählige Namen fallen, Jahreszahlen, Besonderheiten, Vorkommnisse, Eigenheiten. Wer heiratete wen und wann? Wer kämpfte gegen wen und wann? Ich komme ganz durcheinander. Ah, Karl VI., Maria Theresia, Joseph II. – na, da klingelt es zumindest wieder im Oberstübchen. Wir rasen durch die Geschichte. Franz II./I. und Franz Joseph I. – das war ja quasi erst gestern. Die Zeit ist so weit fortgeschritten, dass der Besuch des „Türkischen Salons“ und des Sterbezimmers Franz I. entfallen muss – die Mitarbeiter*innen des Denkmalamtes wollen an diesem Sonntag nach Hause gehen. Das tun wir auch. Und kommen im nächsten Jahr wieder.

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